Foreign Tongues

Foreign Tongues

„Wir legen die Messlatte noch höher“: Auf ihrem 25. (und vielleicht letzten?) Album geben die Rolling Stones weiter Vollgas. Als die Rolling Stones mit dem Producer Andrew Watt ins Studio gingen, um „Hackney Diamonds“ aufzunehmen – ihr 2023 erschienenes Album und die erste Reihe an neuen Songs seit fast zwei Jahrzehnten –, rechnete Mick Jagger damit, dass es die letzte Veröffentlichung der Stones sein würde. „Man denkt immer: ‚Das könnte das letzte Album sein‘“, sagt der legendäre Sänger im Gespräch mit Apple Music. Keith Richards und Ronnie Wood waren weniger überrascht, als ihr 25. Studioalbum „Foreign Tongues“ Gestalt annahm. „Wir haben so viel Arbeit in ‚Hackney Diamonds‘ gesteckt, dass Andrew und ich es als Doppelalbum gesehen haben, das wir einfach ein oder zwei Jahre auf Eis legen“, erklärt Richards. „Foreign Tongues“ – das nach Jaggers Logik durchaus das letzte Album der Stones sein könnte – ist sowohl die ideale Ergänzung zu „Hackney Diamonds“ als auch das verspielte, dynamische Projekt, das Wood beschreibt. Es ist eine Liebeserklärung an alles, was den Stones am Herzen liegt: Blues, klassischer Rock ’n’ Roll und elementare Popmelodien. Ihre Begeisterung entsprang zum Teil einem rasanten Schreibprozess, der es ihnen ermöglichte, schnell ihre Gedanken festzuhalten, ohne sie während der Aufnahme zu zerpflücken. „Früher haben wir nächtelang im Studio versucht, uns Songs auszudenken, die noch gar nicht geschrieben waren“, so Jagger. „Also sagten wir: ‚Wir gehen das Ganze wie ein Bulldozer an.‘ So hatte niemand die Gelegenheit, einen Song zu zerlegen und zu sagen: ‚Das gefällt mir nicht. Das ist nicht so mein Ding.‘“ Vom ruppigen Opener „Rough and Twisted“ über das originalgetreue Cover von Amy Winehouses „You Know I’m No Good“ bis hin zum stimmungsvollen „Covered in You“ (mit Paul McCartney am Bass) vereint „Foreign Tongues“ alles, was die Stones lieben – einfach zum eigenen Vergnügen. So ist genau die Art von Album entstanden, die man sich von einer der besten Rockbands aller Zeiten in ihren späten Karrierejahren erhofft. „Die Alben werden immer energiegeladener und druckvoller, und wir legen die Messlatte noch höher“, sagt Wood. „Das ist die Entwicklung der Band. Da stecken jugendliche Energie und ein neuer Kick drin.“ Im Folgenden führen dich Jagger, Richards und Wood persönlich durch einige der wichtigsten Tracks von „Foreign Tongues“. „Rough and Twisted“ Richards: Als wir uns alle Tracks anhörten, sahen Mick und ich uns an, und ich sagte: ‚Dieser Song muss der Opener sein. Er hat einen Charakter, der alles auf den Punkt bringt. Darauf können wir aufbauen und daran weiterarbeiten.‘ Er hat dieses Chicago-Blues-Feeling, und Mick spielt großartig Mundharmonika. „Jealous Lover“ Jagger: Mein Falsett habe ich bisher meist bei sanfteren, weniger treibenden Songs eingesetzt. Ich sang im Falsett und hatte auf meiner Drum Machine [den vorprogrammierten Beat] „hip-hop three“ eingestellt. Es ist eine sehr einfache Drum Machine, wie aus den 90er‑Jahren, sie macht nur eine Art Groove-Beats, keinen Rock. Also, okay, „hip-hop three“, zack. Dann spielen wir dazu Klavier. „Mr Charm“ Jagger: Bei dieser Musik müssen die Grooves einfach perfekt sein. Jeder Song hat einen Groove, der mitschwingt – Schlagzeug und Bass müssen zusammenarbeiten, die Rhythmusgitarren müssen funktionieren, und der Gesang muss perfekt zum Schlagzeug passen. In einem Song wie „Mr Charm“ ist es fast wie Rap, er muss zu diesen Hi‑Hat-Patterns passen. Die Gitarren können darüber gleiten und so an einer anderen Stelle im Groove sein. Keith kann einfach spielen – er hat sich dieses schöne Lick einfallen lassen, das ich in der Demo-Aufnahme nicht hatte. Dann legt man den Gesang darüber, und all das zusammen ergibt einen Groove. Schon ist „Mr Charm“ ein Gruppensong. „Ringing Hollow“ Jagger: Man täuscht die Fans, indem man sie glauben lässt, es ginge um eine Frau. Dann merkt man in Zeile vier oder vielleicht noch später, dass es nicht um Frauen geht. Das liegt daran, dass im Song auch die Freiheitsstatue als Metapher auftaucht. Keith mochte den Song sofort. Richards: Der Song ist ein zartes Liebeslied an die USA und darüber, was so verdammt schiefgelaufen ist. Ich erinnere mich an die 1950er‑Jahre, an die Jukebox und die Zigaretten. Die Vorstellung, Radiosender im ganzen Land zu haben statt nur die BBC, das war wie: „Dafür würde ich sterben und in den Himmel gehen.“ Es gab so viel, was wir an den USA bewunderten, aber bei näherem Hinsehen gibt es natürlich Risse. Darüber kann man dann auch schreiben. „Some of Us“ Richards: Dieser Song spukt mir schon seit Jahren im Kopf herum, und ich habe ihn nie ganz zu fassen bekommen. Manche Lieder sind sehr schwer greifbar. Ich weiß noch, dass bei „Start Me Up“ von der Entstehung bis zur Veröffentlichung zehn Jahre vergingen. Dabei ist es wie bei einem guten Wein: Manches wird besser, wenn es Zeit hat zu reifen. „Covered in You“ Richards: Mir wurde bewusst, dass Paul [McCartney] es wirklich vermisst, in einer Band zu sein. Seine Freude daran, einfach in diesem Kontext zu spielen, ist toll. Ich kenne Paul schon seit dem Anfang der Beatles, seit wir angefangen haben, aber nur so flüchtig. John und Paul haben für uns ein paar Background-Vocals gesungen – bei „We Love You“ und „Dandelion“. 1967 oder so. Er ist ein wunderbarer Musiker, und ich würde gerne mehr mit ihm machen. Jagger: Ich wusste nicht, dass er im Punk-Stil spielen kann, dieses einfache Zeug, das wir von ihm wollten. Er kann offensichtlich ohne Probleme umschalten. „Back in Your Life“ Wood: Ich liebe dieses Solo. Das war das Letzte, was ich im Studio gemacht habe: ein neunminütiges Solo. Andrew Watt hatte Tränen in den Augen, als ich in den Regieraum kam. Er musste es auf vier oder fünf Minuten kürzen, aber es hat mich einfach mitgerissen. Ich habe die Kontrolle verloren. Jagger: Der Song handelt von der klassischen Geschichte, wie man eine Frau kennenlernt, eine kurze Affäre mit ihr hat und sie einen dann ghostet. Ich habe ziemlich viel Zeit damit verbracht, das richtig hinzubekommen, denn bei Balladen kann man sich nichts erlauben. Die Form muss stimmen, was den Text angeht. Die Musik muss stimmen, und dann braucht es eine Steigerung. Man muss alles in Szene setzen, also ist das eine Menge Arbeit an den Lyrics. Das Ganze dann zu singen, ist auch eine echte Herausforderung, weil es sachte anfängt und sich dann steigern muss. „Side Effects“ Richards: Als ich anfing, den Song zu schreiben, wurde mir klar, dass es [fast] nur in den USA Werbung für [verschreibungspflichtige] Medikamente im Fernsehen gibt. Das Auffälligste in all diesen Werbespots sind die Nebenwirkungen. Also habe ich da angesetzt, wahrscheinlich leide ich jetzt selbst darunter.

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