Augustiner, augustiner@lemmy.world
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Mac Miller was probably the worst one… I’m a little younger than him and watching his career from early on felt like watching an older brother develop and making it big. He made the soundtrack to most of my youth.
Definitely a tragic one. RIP Danya
Ich habe von Brecht bisher nur Mutter Courage gelesen, aber das hat mich tatsächlich stark daran erinnert. Natürlich ist bei Brecht die Sprache etwas moderner, und der Fokus liegt bei Schiller deutlich mehr auf den Generälen als auf den einfachen Leuten. Aber die Art und Weise, wie der Krieg als fast unaufhaltsame Kraft dargestellt wird, die vom Opportunismus der Individuen befeuert wird, ähnelt sich sehr. In Wallensteins Lager gibt es sogar eine Marketenderin, die alleine einen Sohn großzieht und von der ich mir gut vorstellen könnte, dass die Courage durch sie inspiriert wurde.
Habe diese Woche Friedrich Schillers Wallenstein Reihe gelesen. Historisch fand ich es sehr cool, mich mal wieder mit dem 30 jährigen Krieg zu beschäftigen. Das haben wir in der Schule in zwei drei Stunden locker abgefrühstückt, was ich im Nachhinein schade finde.
Bisher hatte ich von Schiller Die Räuber und Wilhelm Tell gelesen. Während Karl Moor und seine Räuber im rechtschaffenden revolutionären Eifer im Zeichen der Aufklärung Gräueltaten begehen, war Tell eine Mary Sue, deren Revolution in Blut und Boden begründet ist. Wallenstein liegt nun irgendwo dazwischen. Er ist ein von den Sternen getriebener Mensch, doch gleichzeitig ein Meister der Politik und Manipulation. Vom Krieg profitiert er wie kein zweiter, doch auch er wird von ihm schließlich zur Kasse gebeten. Der Krieg selbst ist hier, wie der Kapitalismus und die Miene in Zolas Germinal wie ein Tier. Er ist ein selbsterhaltendes System. Ganz nach dem Kredo „Der Krieg ernährt den Krieg“ muss er immer weiter gehen und alle haben ein Interesse daran, dass er nie endet.
Spannend ist hier auch die Form. Schiller hat das Stück in drei Teilen geschrieben, die an drei Abenden aufgeführt werden konnten. Der erste Teil, Wallensteins Lager ist im Knittelvers geschrieben und soetwas wie ein atmosphärischer Proolog. Keine der wichtige Figuren des eigentlichen Stücks existieren hier, stattdessen sehen wir die Stimmung bei den Somdaten und den einfachen Leute und können erahnen, wie die Zivilisten unter dem Krieg leiden. Das muss damals ein gewagter Scjritt gewesen sein, und ich frage mich, wie viele Leute sich nach diesem ersten Abend heute noch den zweiten angesehen hätten. Für Teil 2 und 3 wechselt Schiller dann in Blankvers, um die eigentliche Geschichte, die sich in der Politischen Oberschicht abspielt zu erzählen.
Ich habe Homo Faber von Max Frisch gelesen. Insgesamt hat es mir gut gefallen. Frisch versteht es, unterhaltsam zu schreiben. Sein Protagonist und Ich-Erzähler Walter Faber ist die Personifizierung des toxischen modernen Produktivitätsmenschen; er hat keine Zeit für Emotionen, Gedanken über Gesundheit, ehrliche Selbstreflexion, Liebe, Freizeit oder Kunst. Stattdessen denkt er lieber an Arbeit und vor allem Technik (Turbinen und Flugzeuge, Symbole des Fortschritts im 20. Jh., haben es ihm besonders angetan). Permanent belügt er sich selbst (und den Leser), ist ungeduldig, genervt, zynisch, rationalisiert sein Verhalten, ist frauenfeindlich und generell misanthropisch. Dass das auf Dauer nicht gut geht, ist keine Überraschung.
Ich bin mir nicht sicher, was ich vom Ende halten soll, welches ich hier nicht verraten will. Ob Walter am Ende dazulernt, oder nicht, war mir nicht ganz klar, weshalb ich es nicht so richtig einordnen kann… aber verkehrt fand ich auch das nicht.
Diese Woche stand bei mir ganz im Zeichen Thomas Manns.
Anfang der Woche habe ich Tod in Venedig gelesen. Das fand ich nicht wirklich unterhaltsam. Auch wenn hier sehr offensichtlich ein Autor schreibt, der sein Werk versteht und hoch gebildet ist, hat mich die Handlung nicht wirklich abgeholt. Manns opulenter Schreibstil mit langen Sätzen, zusammengeschachtelt aus zig Nebensätzen und anderen Konstruktionen liest sich für mich extrem zäh. Auch seine Tendenz hier permanent Referenzen zum alten Griechenland einzubauen machte das ganze zwar eindrucksvoll und gibt dem dazu gebildeten Leser sicher einiges an Tiefe, für mich war es aber dadurch ziemlich anstrengend ihm auf seinen Gedankengängen zu folgen.
Irgendwas muss mir aber doch gefallen haben an Mann, denn ich wollte es nicht bei diesem ersten, eher unglücklichen Eindruck belassen. Deswegen habe ich danach Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull gelesen. Das hat mich deutlich besser unterhalten und war auch um einiges leichter zu lesen, weil Krull augenscheinlich die Bildung fehlt um ständig die alten Griechen heraufzubeschwören. Er ist zwar in Teilen extrem ausschweifig und verbos, auch hier finden sich Manns ausladende Satzkonstrukte, aber insgesamt sieht man hier, dass der Protagonist zwar versucht eine Aura von Klasse und Bildung zu projizieren, sie aber nicht hat. Das macht den Text menschlicher als bei dem alten Künstler in TiV. Auch merkt man hier mehr von einer Art Klassenbewusstsein, das Felix zwar als positiv empfindet, er stellt sich gerne als „aus feinerem Holz geschnitzt“ dar, aber der Text kritisiert es unterschwellig trotzdem. Leider hat Mann diesen Roman nicht fertig gestellt. Gegen Ende zieht es sich zwar etwas, aber der Handlung hätten 2/3 mehr Teile zu den 3 existierenden sicher gut getan.
I think they really did. What the fuck hahahahah.
I seriously would love to know what the thought process behind this was. Is it because the Rock has such big boobs that it would get censored by social media? Or is Disney going full puritan and now even against male nipples? Has the rock weird nipples and is ashamed?
I think you’re onto something here, and I think it’s a feature, not a bug. The US have been at war the entire time since WW2, but they usually don’t have a draft. So they need to rely on different methods to motivate young men into becoming soldiers. An integral part of being a soldier is the use of violence to solve problems, usually to the point where you might be expected to kill. If your society sees violence and killing unacceptable you’re gonna have a hard time finding people who wanna sign up to do the killing for you. So you honor your veterans more than any other part of your population, you make movies and games about valiant soldiers fighting for the good cause and step by step you slowly manufacture a cultural climate that says killing and violence are legit means of achieving a goal, sometimes even necessary.
It‘s not one singular factor, like education or better mental health care or the group of people who own them. Sure, those are all important, but they only in part tackle the main underlying issue why people do these things. Young men (and nearly all mass shooters are young men) in american society are told that they are supposed to be achievers, they are supposed to get rich, be cool, have many friends, get a girl, get a house, get a fancy car and all the other status symbols. But most of them don’t see a way of achieving this, since it’s pretty unrealistic with how things are in capitalism. This tension between the life they want and some think deserve, and the life they actually lead is pretty tough to handle.
Most adjust their goals, or get into political activism, or hustle culture, or drugs or do whatever else to get over this perception of a stolen future. But a tiny group can’t get over it and they are angry at society for taking what they think is their rightful life from them. They usually find other people with similar resentments online, radicalise further, and at the end you have a tragedy. Guns aren’t even necessary, they just make it easier to hurt a lot of people in a short time span.
Now Switzerland isn’t socialist heaven, but there is in general a higher standard of living, better education, better mental health care and less demands for young men to become as rich as possible. There are also more strict checks when issuing guns than there are in some us states and strict rules about storage. So a 17 years old will be less likely to develop the toxic ideology needed to want to do something like a mass shooting, have a better safety net to deradicalise him and have a harder time getting the needed equipment.
This is obviously generalising a lot, so don’t take it as a universal answer, because there isn’t.
Diese Woche gab’s mal wieder einen sehr guten Film bei mir. Anora von Sean Baker ist eine Geschichte über die junge Stripperin Anora, die den Oligarchensohn Vanya trifft. Er fragt sie, ob sie für eine Weile seine Freundin werden möchte und später auch, ob sie ihn Heiraten will. Wer hier eine Aschenputtel-RomCom erwartet liegt weit daneben. Anora ist eine Tragikomödie über die Macht des Kapitals. Vanya muss keine überlegten Entscheidungen treffen oder schlau sein, er kann tun was er will und verändert damit das Schicksal aller ärmeren Menschen um ihn herum. Anora, deren einziges Kapital ihr Körper ist, muss versuchen ihr Kapital geschickt zu ihrem Vorteil einzusetzen, hat aber eigentlich keine Chance. In Teilen witzig, rasant, tragisch und auf jeden Fall empfehlenswert.
Dann habe ich noch The Nickel Boys von Colson Whitehead gelesen. Ein erschreckendes Buch über eine Umerziehungsschule für problematische Jungs in den 1960gern in Florida, inspiriert von einer echten Schule. Whitehead stellt in diesem Buch die Frage, wie man mit Rassismus und dem damit verbundenen Trauma umgehen sollte. Lieber kompletter Zynismus? Oder unkompromittierter Idealismus? Das ganze wird anhand des Schicksals zweier Insassen der Schule untersucht. Das Buch ist definitiv keine leichte Lektüre, was man den Kindern hier antut ist schrecklich und wirklich tragisch zu lesen. Was in der echten Schule passiert ist, muss angeblich noch schlimmer gewesen sein. Whitehead hat dafür seinen zweiten Pulitzer gewonnen. Meiner Meinung nach verdient.
Ich glaube du wirst downgevoted weil es hier nicht um Vernunft oder Verständnis geht, sondern Opferschutz.
In ein paar Punkten stimme ich dir zu, aber ich finde deine Philosophie ist extrem großzügig gegenüber Tätern, zulasten der Opfer. Nehmen wir mal dein bsp von den Rassisten. Konkret Pegida. Da waren viele „normale“ Menschen dabei, die einfach nur Abstiegsängste hatten und nen Sündenbock gesucht haben, und ein paar „echte“ Rassisten, die die Bewegung benutzt haben um ihre fremdenfeindliche Ideologie salonfähig zu machen. Wenn ich deine Logik richtig interpretiere war es falsch, die alle als Rassisten abzustempeln und man hätte erstmal versuchen sollen mit ihnen zu reden (was ja auch z.T. getan wurde). Aber hast du dir mal überlegt wie es den Migranten in Deutschland ging, wenn sie in ihrer Stadt, in der sie vielleicht schon viele Jahre leben, Demonstrationen sehen, wo Seite an Seite mit rechtsradikalen marschiert wird und ihre Abschiebung gefordert wird? Ganz zu schweigen von den anderen Auswirkungen, die die Solidarisierung mit Pegida noch immer in Deutschland hat (für mich lässt sich da ne grade Linie zur AfD ziehen).
Ich hör mir immer gerne an, warum Menschen auf ihre komischen Ideen kommen und habe auch durchaus Verständnis wenn mal was schräges dabei ist (werden andere bei mir sicher auch finden). Aber ich glaube auch an das Toleranzparadox. Von daher gilt für mich „Keine Toleranz der Intoleranz“. Da magst du noch so vernünftige Begründungen haben, warum du nicht tolerant bist, Toleranz ist ein unausgesprochener gesellschaftlicher Vertrag. Wenn du ihn brichst, profitierst du nicht mehr von seinem Schutz.
Bin ernsthaft an deinem letzten Satz interessiert. Was meinst du mit sozialer Frieden?
Schöne Ziele und gute Idee. Leider fürchte ich, dass sowas niemanden der Nius etc. konsumiert umstimmen wird. Ich hatte letztens ein Gespräch mit einer ehemaligen Springer Angestellten die mittlerweile mMn noch weiter rechts ist. Solchen Leuten kannst du wirklich erzählen was du willst, du läufst damit gegen ne Wand.
Ich habe es auf Englisch gelesen, daran kann es also in meinem Fall nicht gelegen haben…
Ich kann trotzdem empfehlen es zu lesen, sind schon auch gute Seiten daran. Die Entfremdung die der Hauptcharacter fühlt ist zB sehr gut beschrieben.
Gegen einige meiner Kritiken sind im Text auch Argumente eingebaut, aber meistens leider nicht konsequent genug umgesetzt. Eine Figur sagt z.B. mal irgendwann, dass nicht nur Bücher die Funktion von Wissensvermittlung und Denkanstößen liefern können, sondern auch andere Medien. Das ist aber halt ein Satz, in einem Buch was sonst alles tut um das Gegenteil zu behaupten. Genauso sagen die Harvard-Brüder, dass sie als Individuum nicht wichtig oder besonders sind, aber sie sind gleichzeitig davon überzeugt dass sie der Menschheit die Flamme des Wissens zurückgeben können, als wären sie lauter kleine Prometheuse.
Fahrenheit 451 von Ray Bradbury stand schon lange auf meiner Liste. Jetzt habe ich es endlich gelesen. Allerdings hatte ich vielleicht zu hohe Erwartungen, denn am Ende war ich enttäuscht.
Zunächst das Positive: Bradbury war in Bezug auf die technologische Entwicklung der Unterhaltungsmedien durchaus prophetisch. TikTok hätte ihn sicher umgehauen. Was er jedoch nicht voraussehen konnte, ist, dass das Internet und Social Media uns zu aktiven Teilnehmern machen, die eher überfordert als eingeschläfert werden. War aber auch schwer zu sehen damals. Auch finde ich seine Sprache toll, die voller schöner Metaphern und poetischer Beschreibungen ist.
Nun zur Kritik: Bradbury kommt mir in seiner Haltung extrem konservativ vor, ein alter Mann, der Angst vor der neuen Technik hat. Er erkennt nicht, dass auch das Fernsehen oder Audiomedien tiefgründige Botschaften transportieren können. Die Bücher, die er als Schatz des Wissens hochstilisiert, sind allesamt Klassiker weißer Männer aus der Vergangenheit, die zu seiner Zeit alles andere als radikal waren. Besonders befremdlich ist für mich sein Fokus auf die Bibel als Quelle transformativen Wissens. Frauen sind hier Zombies, die sich den ganzen Tag beschallen lassen, oder naiv fragende Kinder. Auch die Darstellung der Bevölkerung, die nicht liest, als unmündige Schafe, die am Ende wegen ihrer Blindheit im nuklearen Holocaust untergehen, und denen der Protagonist und seine Harvard-Jungs-Truppe keine Träne nachweinen, offenbart eine zutiefst elitäre Sichtweise auf das Thema. Ein Klassenbewusstsein oder eine strukturelle Analyse der Machtverhältnisse und Mechanismen, die sie versklaven, sind nicht vorhanden. Stattdessen sind sie selbst schuld an ihrer Ausbeutung, da sie ja nicht mehr lesen oder denken wollten. Ihr Tod wird nicht als schreckliches Verbrechen, sondern als Neuanfang gesehen, der ein neues, von den erleuchteten Lesern geprägtes Zeitalter des Wissens einleitet.
Das ist ein nettes Angebot, missversteht aber grundsätzlich die Motivation hinter dem besprayen von Zügen.
Ziel ist, dass der Wagen das eigene Motiv durch die ganze Stadt verbreitet. Teil des Reizes ist auch dass man erwischt werden könnte. Wenn man seinen Namen auf nem kompletten Zug hat, sehen alle (die Teil der Community sind) wie krass man ist.
Außerdem ist eine wichtige Komponente des Graffiti für viele der Vandalismus. Es ist ein Form des künstlerischen Wiederstands gegen das System, Getrifizierung und die bürgerliche Ordnung. Ein Fuck You an alle, die denken, dass Graffiti nur Geschmiere oder Sachbeschädigung ist. Wenn sich also jemand darüber aufregt erzielt der Künstler damit die gewünschte Wirkung. Deshalb werden solche Leute nie mit legalen Wänden zufrieden zu stellen sein. Wer auf legalen Wänden sprayt macht kein Graffiti, sondern Streetart.
Bin selbst nicht mit der Dose aktiv und teile auch nicht alle diese Ansichten aber freue mich immer wenn ich irgendwo ein schönes Piece rumfahren sehe. Das macht den Alltag weniger grau.
Ich habe eine russische Woche Hinter mir:
Nikolai Gogol / Der Revisor:
Zuerst habe ich Gogols berühmtestes Theaterstück gelesen, „Der Revisor“. Das war ganz okay, eine archetypische Geschichte über Verwechslungen. Besonders gut hat mir gefallen, dass es eigentlich keine moralischen Charaktere gab. Alle sind verdammt korrupt, wissen das auch und rechtfertigen ihre eigene Korruption pausenlos. Aber insgesamt hatte ich von einem der berühmtesten Autoren Russlands etwas mehr erwartet.
Nikolai Gogol / Petersburger Erzählungen:
Dann habe ich mich an seine Petersburger Erzählungen (Der Nevski-Prospekt, Das Porträt, Die Nase, Der Mantel und Tagebuch eines Verrückten) gemacht. Es sind fünf, und ich fand sie alle großartig, einige sogar brillant. Am besten haben mir „Der Mantel“ und „Tagebuch eines Verrückten“ gefallen. Es handelt sich um in vielerlei Hinsicht ähnliche Geschichten über Bürokraten, die von der Gesellschaft ignoriert und vergessen werden, aber sie entwickeln sich zu ganz unterschiedlichen Lösungen. Die anderen waren ebenfalls großartig bis zumindest ziemlich gut.
Soweit ich weiß, geht viel von Gogols charakteristischem Stil, dem sogenannten Skaz, in der Übersetzung verloren, aber was übrig bleibt, ist dennoch eine sehr schöne Schrift. Es ist hilfreich, etwas über die russische Bürokratie, Namen, Statussymbole der damaligen Zeit und ein Konzept namens „poshlost“ (Nabokov definiert es unter anderem als kitschigen Schund, vulgäre Klischees und falsche Tiefgründigkeit) sowie über Skaz selbst zu wissen, um das Lesevergnügen zu steigern, aber ich bin mir sicher, dass es auch Spaß macht, einfach zu lesen und zu sehen, was man ohne all das daraus mitnimmt.
Ivan Turgenev / Tagebuch eines Überflüssigen:
Das ist die Synthese aus Gogol und Lermontov. Turgenev übernimmt von Gogol den Skaz und den überflüssigen Menschen von Lermontov. Das Ergebnis ist ein Tagebuch, das der Protagonist zwei Wochen vor dem Tod beginnt, und in dem er noch einmal Schlüsselerlebnisse seines Lebens aufarbeitet. Turgenev hat hier einiges an eigener Erfahrung und Frustration reingepackt, weshalb vieles hier sehr psychologisch akkurat beschrieben ist. Allerdings ist der Protagonist so von seinen eigenen Unsicherheiten gelähmt, dass es sich manchmal etwas frustrierend Anfühlt. Das ist aber auch gewollt, die Unsicherheit macht die gefühlte Überflüssigkeit zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Hab ne kulturelle Woche hinter mir…
Donnerstag war ich im Theater in „Love me Tender“, basierend auf dem gleichnamigen Roman. Ein Stück über eine Frau, die ihren Mann verlässt, den gut bezahlten Job aufgibt, ihre Wohnung verliert und auch sonst allen Luxus hinter sich lässt um mit Frauen Sex zu haben und ein Buch zu schreiben. Leider bleibt dabei auch ihr Sohn auf der Strecke, den ihr ex ihr durch Sorgerechtsstreits entzieht. Wenn die Hauptperson männlich wäre, wäre dieses Stück eine stereotype Scheidungsgeschichte. Aber die Hauptperson ist weiblich, weshalb viele der Dynamiken anders verlaufen, sie ist deutlich schwächer gestellt und gesellschaftlich weniger akzeptiert. Trotzdem hatte ich am Ende zwar Verständnis, aber wenig Sympathie für die Hauptfigur. Die Beziehung zu ihrem Sohn scheint sie aus egoistischen Gründen weiterführen zu wollen, was der Sohn dabei denkt ist nicht so wichtig. Bindungen, Liebe, Mutterschaft sind für sie Schimpfworte, die sie auf der Suche nach der persönlichen Freiheit behindern. Die Inszenierung hat mir gut gefallen, bis auf die Hauptperson gab es keine weitere Schauspieler, sie wurde aber von 3 Schauspielerinnen gleichzeitig gespielt. Auch das eher karge Bühnenbild hat gut gepasst.
Den Rest der Woche habe ich vie gelesen:
Mikhail Lermontov/ Ein Held unserer Zeit: Ein faszinierendes Werk über einen einst als dunklen Helden angesehenen Charakter, das heute jedoch eher wie das Tagebuch eines Narzissten wirkt. Als es geschrieben wurde, schien die Hauptfigur eine etwas ambivalente Persönlichkeit zu sein, ein machiavellistisches Genie, das ignorante gesellschaftliche Konventionen missachtet und alle Menschen in seiner Umgebung manipuliert. Ein dunkler Held, wie Byron ihn beschrieben hätte. Für einen modernen Leser geht jedoch das meiste davon verloren. Petschorin wirkt eher wie ein nervöser Aufreißer, der sich um nichts kümmert und sich hinter einer Maske vorgegebener Berechnung versteckt. Lermontov war ein Genie in der Art und Weise, wie er diese Geschichte erzählt. Es war eine großartige Entscheidung, zuerst andere Menschen über seinen Protagonisten erzählen zu lassen und dann den Protagonisten selbst zu seinem unzuverlässigen Erzähler zu machen. Lermontovs Bemerkung, dass der Titel des Buches ironisch sein könnte oder auch nicht, verleiht ihm die notwendige Mehrdeutigkeit. Ich habe es wirklich genossen, dieses Buch von vorne bis hinten zu lesen.
Voltaire / Candide: Ein so altes und grundlegendes Werk zu beurteilen, ist immer mit gewissen Herausforderungen verbunden. Einerseits sieht man deutlich, dass es zu seiner Zeit wahrscheinlich revolutionär war und einen Paradigmenwechsel darstellte. Andererseits kennt man bereits die Konzepte und Ideen, die sich daraus entwickelt haben, und diese sind möglicherweise besser durchdacht, da sie die hier vorgestellten Ideen weiterentwickeln. Vor allem Humor ist schwierig, da er auf einem Kontext basiert, der modernen Lesern möglicherweise fehlt. Candide macht vieles sehr gut, aber manchmal ist es etwas zu offensichtlich, was es darstellen will, fast schon bis zur Ungeschicklichkeit. Ich habe es gerne gelesen, aber insgesamt hat es mich nicht so sehr beeindruckt wie vielleicht die Leser, als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
E.T.A. Hoffmann / Der Sandmann:
Hoffmann hat hier für seine Zeit mit Sicherheit etwas spannendes und innovatives geschaffen, aber mich persönlich hat es leider nicht umgehauen. Das liegt vor allem daran, dass die Figur des Sandmanns eine viel kleinere Rolle spielt, als zunächst angenommen. Coppolla wird am Anfang als bedrohliche Mephisto Figur mit alchemistischen Fähigkeiten auf gebaut, irgendwann dann aber von Olimpia verdrängt. Für mich fühlt sich das zuweilen fast wie zwei Geschichten an, die verschmolzen wurden. Die eine behandelt den mythische Sandmann, die andere die emotionslose Automatendame.
Worin Hoffmann jedoch gut ist, das ist bei der Verwendung von Motiven, Symbolen und erzeugen von mystischer oder bedrohlicher Stimmung. Das hätte damals so einiges für den Deutschunterricht hergegeben und ist deshalb sicher auch heute noch dort beliebt. Auch die Ambivalenz ob sich Nathanael alles nur einbildet, eine Psychose erleidet oder der Sandmann wirklich existiert war eine gute Wahl.
Happy birthday haha
Mac Miller was probably the worst one… I’m a little younger than him and watching his career from early on felt like watching an older brother develop and making it big. He made the soundtrack to most of my youth.
Definitely a tragic one. RIP Danya
Ich habe von Brecht bisher nur Mutter Courage gelesen, aber das hat mich tatsächlich stark daran erinnert. Natürlich ist bei Brecht die Sprache etwas moderner, und der Fokus liegt bei Schiller deutlich mehr auf den Generälen als auf den einfachen Leuten. Aber die Art und Weise, wie der Krieg als fast unaufhaltsame Kraft dargestellt wird, die vom Opportunismus der Individuen befeuert wird, ähnelt sich sehr. In Wallensteins Lager gibt es sogar eine Marketenderin, die alleine einen Sohn großzieht und von der ich mir gut vorstellen könnte, dass die Courage durch sie inspiriert wurde.
Habe diese Woche Friedrich Schillers Wallenstein Reihe gelesen. Historisch fand ich es sehr cool, mich mal wieder mit dem 30 jährigen Krieg zu beschäftigen. Das haben wir in der Schule in zwei drei Stunden locker abgefrühstückt, was ich im Nachhinein schade finde.
Bisher hatte ich von Schiller Die Räuber und Wilhelm Tell gelesen. Während Karl Moor und seine Räuber im rechtschaffenden revolutionären Eifer im Zeichen der Aufklärung Gräueltaten begehen, war Tell eine Mary Sue, deren Revolution in Blut und Boden begründet ist. Wallenstein liegt nun irgendwo dazwischen. Er ist ein von den Sternen getriebener Mensch, doch gleichzeitig ein Meister der Politik und Manipulation. Vom Krieg profitiert er wie kein zweiter, doch auch er wird von ihm schließlich zur Kasse gebeten. Der Krieg selbst ist hier, wie der Kapitalismus und die Miene in Zolas Germinal wie ein Tier. Er ist ein selbsterhaltendes System. Ganz nach dem Kredo „Der Krieg ernährt den Krieg“ muss er immer weiter gehen und alle haben ein Interesse daran, dass er nie endet.
Spannend ist hier auch die Form. Schiller hat das Stück in drei Teilen geschrieben, die an drei Abenden aufgeführt werden konnten. Der erste Teil, Wallensteins Lager ist im Knittelvers geschrieben und soetwas wie ein atmosphärischer Proolog. Keine der wichtige Figuren des eigentlichen Stücks existieren hier, stattdessen sehen wir die Stimmung bei den Somdaten und den einfachen Leute und können erahnen, wie die Zivilisten unter dem Krieg leiden. Das muss damals ein gewagter Scjritt gewesen sein, und ich frage mich, wie viele Leute sich nach diesem ersten Abend heute noch den zweiten angesehen hätten. Für Teil 2 und 3 wechselt Schiller dann in Blankvers, um die eigentliche Geschichte, die sich in der Politischen Oberschicht abspielt zu erzählen.
Ich habe Homo Faber von Max Frisch gelesen. Insgesamt hat es mir gut gefallen. Frisch versteht es, unterhaltsam zu schreiben. Sein Protagonist und Ich-Erzähler Walter Faber ist die Personifizierung des toxischen modernen Produktivitätsmenschen; er hat keine Zeit für Emotionen, Gedanken über Gesundheit, ehrliche Selbstreflexion, Liebe, Freizeit oder Kunst. Stattdessen denkt er lieber an Arbeit und vor allem Technik (Turbinen und Flugzeuge, Symbole des Fortschritts im 20. Jh., haben es ihm besonders angetan). Permanent belügt er sich selbst (und den Leser), ist ungeduldig, genervt, zynisch, rationalisiert sein Verhalten, ist frauenfeindlich und generell misanthropisch. Dass das auf Dauer nicht gut geht, ist keine Überraschung.
Ich bin mir nicht sicher, was ich vom Ende halten soll, welches ich hier nicht verraten will. Ob Walter am Ende dazulernt, oder nicht, war mir nicht ganz klar, weshalb ich es nicht so richtig einordnen kann… aber verkehrt fand ich auch das nicht.
Diese Woche stand bei mir ganz im Zeichen Thomas Manns.
Anfang der Woche habe ich Tod in Venedig gelesen. Das fand ich nicht wirklich unterhaltsam. Auch wenn hier sehr offensichtlich ein Autor schreibt, der sein Werk versteht und hoch gebildet ist, hat mich die Handlung nicht wirklich abgeholt. Manns opulenter Schreibstil mit langen Sätzen, zusammengeschachtelt aus zig Nebensätzen und anderen Konstruktionen liest sich für mich extrem zäh. Auch seine Tendenz hier permanent Referenzen zum alten Griechenland einzubauen machte das ganze zwar eindrucksvoll und gibt dem dazu gebildeten Leser sicher einiges an Tiefe, für mich war es aber dadurch ziemlich anstrengend ihm auf seinen Gedankengängen zu folgen.
Irgendwas muss mir aber doch gefallen haben an Mann, denn ich wollte es nicht bei diesem ersten, eher unglücklichen Eindruck belassen. Deswegen habe ich danach Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull gelesen. Das hat mich deutlich besser unterhalten und war auch um einiges leichter zu lesen, weil Krull augenscheinlich die Bildung fehlt um ständig die alten Griechen heraufzubeschwören. Er ist zwar in Teilen extrem ausschweifig und verbos, auch hier finden sich Manns ausladende Satzkonstrukte, aber insgesamt sieht man hier, dass der Protagonist zwar versucht eine Aura von Klasse und Bildung zu projizieren, sie aber nicht hat. Das macht den Text menschlicher als bei dem alten Künstler in TiV. Auch merkt man hier mehr von einer Art Klassenbewusstsein, das Felix zwar als positiv empfindet, er stellt sich gerne als „aus feinerem Holz geschnitzt“ dar, aber der Text kritisiert es unterschwellig trotzdem. Leider hat Mann diesen Roman nicht fertig gestellt. Gegen Ende zieht es sich zwar etwas, aber der Handlung hätten 2/3 mehr Teile zu den 3 existierenden sicher gut getan.
I think they really did. What the fuck hahahahah.
I seriously would love to know what the thought process behind this was. Is it because the Rock has such big boobs that it would get censored by social media? Or is Disney going full puritan and now even against male nipples? Has the rock weird nipples and is ashamed?
I think you’re onto something here, and I think it’s a feature, not a bug. The US have been at war the entire time since WW2, but they usually don’t have a draft. So they need to rely on different methods to motivate young men into becoming soldiers. An integral part of being a soldier is the use of violence to solve problems, usually to the point where you might be expected to kill. If your society sees violence and killing unacceptable you’re gonna have a hard time finding people who wanna sign up to do the killing for you. So you honor your veterans more than any other part of your population, you make movies and games about valiant soldiers fighting for the good cause and step by step you slowly manufacture a cultural climate that says killing and violence are legit means of achieving a goal, sometimes even necessary.
It‘s not one singular factor, like education or better mental health care or the group of people who own them. Sure, those are all important, but they only in part tackle the main underlying issue why people do these things. Young men (and nearly all mass shooters are young men) in american society are told that they are supposed to be achievers, they are supposed to get rich, be cool, have many friends, get a girl, get a house, get a fancy car and all the other status symbols. But most of them don’t see a way of achieving this, since it’s pretty unrealistic with how things are in capitalism. This tension between the life they want and some think deserve, and the life they actually lead is pretty tough to handle.
Most adjust their goals, or get into political activism, or hustle culture, or drugs or do whatever else to get over this perception of a stolen future. But a tiny group can’t get over it and they are angry at society for taking what they think is their rightful life from them. They usually find other people with similar resentments online, radicalise further, and at the end you have a tragedy. Guns aren’t even necessary, they just make it easier to hurt a lot of people in a short time span.
Now Switzerland isn’t socialist heaven, but there is in general a higher standard of living, better education, better mental health care and less demands for young men to become as rich as possible. There are also more strict checks when issuing guns than there are in some us states and strict rules about storage. So a 17 years old will be less likely to develop the toxic ideology needed to want to do something like a mass shooting, have a better safety net to deradicalise him and have a harder time getting the needed equipment.
This is obviously generalising a lot, so don’t take it as a universal answer, because there isn’t.
Diese Woche gab’s mal wieder einen sehr guten Film bei mir. Anora von Sean Baker ist eine Geschichte über die junge Stripperin Anora, die den Oligarchensohn Vanya trifft. Er fragt sie, ob sie für eine Weile seine Freundin werden möchte und später auch, ob sie ihn Heiraten will. Wer hier eine Aschenputtel-RomCom erwartet liegt weit daneben. Anora ist eine Tragikomödie über die Macht des Kapitals. Vanya muss keine überlegten Entscheidungen treffen oder schlau sein, er kann tun was er will und verändert damit das Schicksal aller ärmeren Menschen um ihn herum. Anora, deren einziges Kapital ihr Körper ist, muss versuchen ihr Kapital geschickt zu ihrem Vorteil einzusetzen, hat aber eigentlich keine Chance. In Teilen witzig, rasant, tragisch und auf jeden Fall empfehlenswert.
Dann habe ich noch The Nickel Boys von Colson Whitehead gelesen. Ein erschreckendes Buch über eine Umerziehungsschule für problematische Jungs in den 1960gern in Florida, inspiriert von einer echten Schule. Whitehead stellt in diesem Buch die Frage, wie man mit Rassismus und dem damit verbundenen Trauma umgehen sollte. Lieber kompletter Zynismus? Oder unkompromittierter Idealismus? Das ganze wird anhand des Schicksals zweier Insassen der Schule untersucht. Das Buch ist definitiv keine leichte Lektüre, was man den Kindern hier antut ist schrecklich und wirklich tragisch zu lesen. Was in der echten Schule passiert ist, muss angeblich noch schlimmer gewesen sein. Whitehead hat dafür seinen zweiten Pulitzer gewonnen. Meiner Meinung nach verdient.
Ich glaube du wirst downgevoted weil es hier nicht um Vernunft oder Verständnis geht, sondern Opferschutz.
In ein paar Punkten stimme ich dir zu, aber ich finde deine Philosophie ist extrem großzügig gegenüber Tätern, zulasten der Opfer. Nehmen wir mal dein bsp von den Rassisten. Konkret Pegida. Da waren viele „normale“ Menschen dabei, die einfach nur Abstiegsängste hatten und nen Sündenbock gesucht haben, und ein paar „echte“ Rassisten, die die Bewegung benutzt haben um ihre fremdenfeindliche Ideologie salonfähig zu machen. Wenn ich deine Logik richtig interpretiere war es falsch, die alle als Rassisten abzustempeln und man hätte erstmal versuchen sollen mit ihnen zu reden (was ja auch z.T. getan wurde). Aber hast du dir mal überlegt wie es den Migranten in Deutschland ging, wenn sie in ihrer Stadt, in der sie vielleicht schon viele Jahre leben, Demonstrationen sehen, wo Seite an Seite mit rechtsradikalen marschiert wird und ihre Abschiebung gefordert wird? Ganz zu schweigen von den anderen Auswirkungen, die die Solidarisierung mit Pegida noch immer in Deutschland hat (für mich lässt sich da ne grade Linie zur AfD ziehen).
Ich hör mir immer gerne an, warum Menschen auf ihre komischen Ideen kommen und habe auch durchaus Verständnis wenn mal was schräges dabei ist (werden andere bei mir sicher auch finden). Aber ich glaube auch an das Toleranzparadox. Von daher gilt für mich „Keine Toleranz der Intoleranz“. Da magst du noch so vernünftige Begründungen haben, warum du nicht tolerant bist, Toleranz ist ein unausgesprochener gesellschaftlicher Vertrag. Wenn du ihn brichst, profitierst du nicht mehr von seinem Schutz.
Bin ernsthaft an deinem letzten Satz interessiert. Was meinst du mit sozialer Frieden?
Schöne Ziele und gute Idee. Leider fürchte ich, dass sowas niemanden der Nius etc. konsumiert umstimmen wird. Ich hatte letztens ein Gespräch mit einer ehemaligen Springer Angestellten die mittlerweile mMn noch weiter rechts ist. Solchen Leuten kannst du wirklich erzählen was du willst, du läufst damit gegen ne Wand.
Ich habe es auf Englisch gelesen, daran kann es also in meinem Fall nicht gelegen haben…
Ich kann trotzdem empfehlen es zu lesen, sind schon auch gute Seiten daran. Die Entfremdung die der Hauptcharacter fühlt ist zB sehr gut beschrieben.
Gegen einige meiner Kritiken sind im Text auch Argumente eingebaut, aber meistens leider nicht konsequent genug umgesetzt. Eine Figur sagt z.B. mal irgendwann, dass nicht nur Bücher die Funktion von Wissensvermittlung und Denkanstößen liefern können, sondern auch andere Medien. Das ist aber halt ein Satz, in einem Buch was sonst alles tut um das Gegenteil zu behaupten. Genauso sagen die Harvard-Brüder, dass sie als Individuum nicht wichtig oder besonders sind, aber sie sind gleichzeitig davon überzeugt dass sie der Menschheit die Flamme des Wissens zurückgeben können, als wären sie lauter kleine Prometheuse.
Fahrenheit 451 von Ray Bradbury stand schon lange auf meiner Liste. Jetzt habe ich es endlich gelesen. Allerdings hatte ich vielleicht zu hohe Erwartungen, denn am Ende war ich enttäuscht.
Zunächst das Positive: Bradbury war in Bezug auf die technologische Entwicklung der Unterhaltungsmedien durchaus prophetisch. TikTok hätte ihn sicher umgehauen. Was er jedoch nicht voraussehen konnte, ist, dass das Internet und Social Media uns zu aktiven Teilnehmern machen, die eher überfordert als eingeschläfert werden. War aber auch schwer zu sehen damals. Auch finde ich seine Sprache toll, die voller schöner Metaphern und poetischer Beschreibungen ist.
Nun zur Kritik: Bradbury kommt mir in seiner Haltung extrem konservativ vor, ein alter Mann, der Angst vor der neuen Technik hat. Er erkennt nicht, dass auch das Fernsehen oder Audiomedien tiefgründige Botschaften transportieren können. Die Bücher, die er als Schatz des Wissens hochstilisiert, sind allesamt Klassiker weißer Männer aus der Vergangenheit, die zu seiner Zeit alles andere als radikal waren. Besonders befremdlich ist für mich sein Fokus auf die Bibel als Quelle transformativen Wissens. Frauen sind hier Zombies, die sich den ganzen Tag beschallen lassen, oder naiv fragende Kinder. Auch die Darstellung der Bevölkerung, die nicht liest, als unmündige Schafe, die am Ende wegen ihrer Blindheit im nuklearen Holocaust untergehen, und denen der Protagonist und seine Harvard-Jungs-Truppe keine Träne nachweinen, offenbart eine zutiefst elitäre Sichtweise auf das Thema. Ein Klassenbewusstsein oder eine strukturelle Analyse der Machtverhältnisse und Mechanismen, die sie versklaven, sind nicht vorhanden. Stattdessen sind sie selbst schuld an ihrer Ausbeutung, da sie ja nicht mehr lesen oder denken wollten. Ihr Tod wird nicht als schreckliches Verbrechen, sondern als Neuanfang gesehen, der ein neues, von den erleuchteten Lesern geprägtes Zeitalter des Wissens einleitet.
Das ist ein nettes Angebot, missversteht aber grundsätzlich die Motivation hinter dem besprayen von Zügen.
Ziel ist, dass der Wagen das eigene Motiv durch die ganze Stadt verbreitet. Teil des Reizes ist auch dass man erwischt werden könnte. Wenn man seinen Namen auf nem kompletten Zug hat, sehen alle (die Teil der Community sind) wie krass man ist.
Außerdem ist eine wichtige Komponente des Graffiti für viele der Vandalismus. Es ist ein Form des künstlerischen Wiederstands gegen das System, Getrifizierung und die bürgerliche Ordnung. Ein Fuck You an alle, die denken, dass Graffiti nur Geschmiere oder Sachbeschädigung ist. Wenn sich also jemand darüber aufregt erzielt der Künstler damit die gewünschte Wirkung. Deshalb werden solche Leute nie mit legalen Wänden zufrieden zu stellen sein. Wer auf legalen Wänden sprayt macht kein Graffiti, sondern Streetart.
Bin selbst nicht mit der Dose aktiv und teile auch nicht alle diese Ansichten aber freue mich immer wenn ich irgendwo ein schönes Piece rumfahren sehe. Das macht den Alltag weniger grau.
Ich habe eine russische Woche Hinter mir:
Nikolai Gogol / Der Revisor:
Zuerst habe ich Gogols berühmtestes Theaterstück gelesen, „Der Revisor“. Das war ganz okay, eine archetypische Geschichte über Verwechslungen. Besonders gut hat mir gefallen, dass es eigentlich keine moralischen Charaktere gab. Alle sind verdammt korrupt, wissen das auch und rechtfertigen ihre eigene Korruption pausenlos. Aber insgesamt hatte ich von einem der berühmtesten Autoren Russlands etwas mehr erwartet.
Nikolai Gogol / Petersburger Erzählungen:
Dann habe ich mich an seine Petersburger Erzählungen (Der Nevski-Prospekt, Das Porträt, Die Nase, Der Mantel und Tagebuch eines Verrückten) gemacht. Es sind fünf, und ich fand sie alle großartig, einige sogar brillant. Am besten haben mir „Der Mantel“ und „Tagebuch eines Verrückten“ gefallen. Es handelt sich um in vielerlei Hinsicht ähnliche Geschichten über Bürokraten, die von der Gesellschaft ignoriert und vergessen werden, aber sie entwickeln sich zu ganz unterschiedlichen Lösungen. Die anderen waren ebenfalls großartig bis zumindest ziemlich gut.
Soweit ich weiß, geht viel von Gogols charakteristischem Stil, dem sogenannten Skaz, in der Übersetzung verloren, aber was übrig bleibt, ist dennoch eine sehr schöne Schrift. Es ist hilfreich, etwas über die russische Bürokratie, Namen, Statussymbole der damaligen Zeit und ein Konzept namens „poshlost“ (Nabokov definiert es unter anderem als kitschigen Schund, vulgäre Klischees und falsche Tiefgründigkeit) sowie über Skaz selbst zu wissen, um das Lesevergnügen zu steigern, aber ich bin mir sicher, dass es auch Spaß macht, einfach zu lesen und zu sehen, was man ohne all das daraus mitnimmt.
Ivan Turgenev / Tagebuch eines Überflüssigen:
Das ist die Synthese aus Gogol und Lermontov. Turgenev übernimmt von Gogol den Skaz und den überflüssigen Menschen von Lermontov. Das Ergebnis ist ein Tagebuch, das der Protagonist zwei Wochen vor dem Tod beginnt, und in dem er noch einmal Schlüsselerlebnisse seines Lebens aufarbeitet. Turgenev hat hier einiges an eigener Erfahrung und Frustration reingepackt, weshalb vieles hier sehr psychologisch akkurat beschrieben ist. Allerdings ist der Protagonist so von seinen eigenen Unsicherheiten gelähmt, dass es sich manchmal etwas frustrierend Anfühlt. Das ist aber auch gewollt, die Unsicherheit macht die gefühlte Überflüssigkeit zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Hab ne kulturelle Woche hinter mir…
Donnerstag war ich im Theater in „Love me Tender“, basierend auf dem gleichnamigen Roman. Ein Stück über eine Frau, die ihren Mann verlässt, den gut bezahlten Job aufgibt, ihre Wohnung verliert und auch sonst allen Luxus hinter sich lässt um mit Frauen Sex zu haben und ein Buch zu schreiben. Leider bleibt dabei auch ihr Sohn auf der Strecke, den ihr ex ihr durch Sorgerechtsstreits entzieht. Wenn die Hauptperson männlich wäre, wäre dieses Stück eine stereotype Scheidungsgeschichte. Aber die Hauptperson ist weiblich, weshalb viele der Dynamiken anders verlaufen, sie ist deutlich schwächer gestellt und gesellschaftlich weniger akzeptiert. Trotzdem hatte ich am Ende zwar Verständnis, aber wenig Sympathie für die Hauptfigur. Die Beziehung zu ihrem Sohn scheint sie aus egoistischen Gründen weiterführen zu wollen, was der Sohn dabei denkt ist nicht so wichtig. Bindungen, Liebe, Mutterschaft sind für sie Schimpfworte, die sie auf der Suche nach der persönlichen Freiheit behindern. Die Inszenierung hat mir gut gefallen, bis auf die Hauptperson gab es keine weitere Schauspieler, sie wurde aber von 3 Schauspielerinnen gleichzeitig gespielt. Auch das eher karge Bühnenbild hat gut gepasst.
Den Rest der Woche habe ich vie gelesen:
Mikhail Lermontov/ Ein Held unserer Zeit: Ein faszinierendes Werk über einen einst als dunklen Helden angesehenen Charakter, das heute jedoch eher wie das Tagebuch eines Narzissten wirkt. Als es geschrieben wurde, schien die Hauptfigur eine etwas ambivalente Persönlichkeit zu sein, ein machiavellistisches Genie, das ignorante gesellschaftliche Konventionen missachtet und alle Menschen in seiner Umgebung manipuliert. Ein dunkler Held, wie Byron ihn beschrieben hätte. Für einen modernen Leser geht jedoch das meiste davon verloren. Petschorin wirkt eher wie ein nervöser Aufreißer, der sich um nichts kümmert und sich hinter einer Maske vorgegebener Berechnung versteckt. Lermontov war ein Genie in der Art und Weise, wie er diese Geschichte erzählt. Es war eine großartige Entscheidung, zuerst andere Menschen über seinen Protagonisten erzählen zu lassen und dann den Protagonisten selbst zu seinem unzuverlässigen Erzähler zu machen. Lermontovs Bemerkung, dass der Titel des Buches ironisch sein könnte oder auch nicht, verleiht ihm die notwendige Mehrdeutigkeit. Ich habe es wirklich genossen, dieses Buch von vorne bis hinten zu lesen.
Voltaire / Candide: Ein so altes und grundlegendes Werk zu beurteilen, ist immer mit gewissen Herausforderungen verbunden. Einerseits sieht man deutlich, dass es zu seiner Zeit wahrscheinlich revolutionär war und einen Paradigmenwechsel darstellte. Andererseits kennt man bereits die Konzepte und Ideen, die sich daraus entwickelt haben, und diese sind möglicherweise besser durchdacht, da sie die hier vorgestellten Ideen weiterentwickeln. Vor allem Humor ist schwierig, da er auf einem Kontext basiert, der modernen Lesern möglicherweise fehlt. Candide macht vieles sehr gut, aber manchmal ist es etwas zu offensichtlich, was es darstellen will, fast schon bis zur Ungeschicklichkeit. Ich habe es gerne gelesen, aber insgesamt hat es mich nicht so sehr beeindruckt wie vielleicht die Leser, als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
E.T.A. Hoffmann / Der Sandmann: Hoffmann hat hier für seine Zeit mit Sicherheit etwas spannendes und innovatives geschaffen, aber mich persönlich hat es leider nicht umgehauen. Das liegt vor allem daran, dass die Figur des Sandmanns eine viel kleinere Rolle spielt, als zunächst angenommen. Coppolla wird am Anfang als bedrohliche Mephisto Figur mit alchemistischen Fähigkeiten auf gebaut, irgendwann dann aber von Olimpia verdrängt. Für mich fühlt sich das zuweilen fast wie zwei Geschichten an, die verschmolzen wurden. Die eine behandelt den mythische Sandmann, die andere die emotionslose Automatendame.
Worin Hoffmann jedoch gut ist, das ist bei der Verwendung von Motiven, Symbolen und erzeugen von mystischer oder bedrohlicher Stimmung. Das hätte damals so einiges für den Deutschunterricht hergegeben und ist deshalb sicher auch heute noch dort beliebt. Auch die Ambivalenz ob sich Nathanael alles nur einbildet, eine Psychose erleidet oder der Sandmann wirklich existiert war eine gute Wahl.
Happy birthday haha