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Τετάρτη 2 Φεβρουαρίου 2022

10 Gründe für Hunger

oxfam.de

Drei Menschen haben sich ein Schälchen Milch geteilt. Ob sie davon satt geworden sind?

Mehr als 820 Millionen Menschen hungern weltweit – und mehr als zwei Milliarden Menschen haben nicht genug zu essen. Warum ist das so? Hunger hat viele Gründe. Wir informieren Sie über die Ursachen von Hunger.

1. Land und Hunger
Animation Landgrabbing

Weltweit leiden Menschen Hunger. Ein Grund: Das Land ist sehr ungleich verteilt und wird immer knapper. Dabei sind kleinbäuerliche Produzenten gleich mehrfach benachteiligt: Ihre Anbaufläche ist sehr klein und ihr Risiko, durch sogenanntes Landgrabbing vertrieben zu werden, ist hoch. Häufig kaufen oder pachten Investoren riesige Landflächen – ohne Rücksicht auf die Rechte der lokalen Bevölkerung. Statt für den Anbau von Nahrungsmitteln werden die Flächen dann für andere Zwecke genutzt.

Mehr lesen: Landgrabbing

2. Einkommen und Hunger
Ein Teepflücker in Mulanje in Süd-Malawi in Afrika

Armut und Hunger hängen eng zusammen: Wer extrem arm ist und wenig Geld verdient, hat häufig nicht genug zu essen. Plantagen­arbeiter*innen – zum Beispiel im Teesektor – beziehen buchstäblich nur Hungerlöhne und können sich nicht ausreichend Nahrungsmittel kaufen. Auch kleinbäuerliche Produzenten hungern, weil die Einnahmen vom Verkauf der Ernte nicht reichen, um übers Jahr Lebensmittel für die Familie zu kaufen oder weil sie ihr Getreide nicht lagern können.

Mehr lesen: Wie gesund ist Tee für die Arbeiter*innen auf den Tee-Plantagen? (Tee-Studie 2019)

3. Klimawandel und Hunger
Eine Frau hält vertrockneten Mais

Die Klimakrise verschiebt Regen- und Trockenzeiten, und immer häufiger zerstört extremes Wetter die Ernten. Fruchtbares Land geht durch Erosion, Versalzung und Wüstenbildung verloren. Damit die Menschen nicht weiterhin unter den Folgen des Klimawandels leiden, ist es zum Beispiel wichtig, agrarökologische Ansätze zu fördern und lokale Saatgutbanken aufzubauen – diese erleichtern die Verteilung von lokalem Saatgut. Wenn traditionelle Sorten eingesetzt werden, sind die Erträge stabiler, falls es zu Dürren, Starkregen oder Überflutungen kommt.

Mehr lesen: Stellungnahme zu Welternährung und Klimawandel 

4. Agrosprit und Hunger
Tansania, Afrika: Eine Frau erntet Reis auf einem Reisfeld

Auf Millionen von Hektar Land werden Pflanzen für Agro- bzw. Biosprit angebaut – immer weniger Fläche steht für die Produktion von Nahrungsmitteln zur Verfügung. Weltweit wird Ethanol mehrheitlich aus Mais, Agrodiesel vor allem aus Soja- und Palmöl hergestellt. Von Kleinbäuerinnen und -bauern genutzte Agrarflächen werden immer häufiger von privaten Investoren aufgekauft. Nahrung, die auf den Teller gehört, landet im Tank.

Mehr lesen: Fragen und Antworten zu Agrosprit

5. Frauen und Hunger
Indische Frauen während eines Protests für bessere Arbeitsbedingungen

Frauen sind in vielen Ländern besonders benachteiligt: Obwohl sie in armen Ländern einen bedeutenden Beitrag in der Landwirtschaft leisten, haben sie weniger Zugang zu Land, Beratungsdiensten und Krediten als Männer. Bei wichtigen Entscheidungen haben Frauen kein Mitspracherecht. Ihre Fähigkeiten und ihr Wissen werden häufig nicht anerkannt. Wenn es um eine gute Ernährung der Familie, insbesondere der Kinder, geht, spielen sie eine wichtige Rolle.

Mehr lesen: Voluntary guidelines on land – from a gender perspective

6. Böden und Hunger
Ein Setzling in der Erde

Die Qualität von Böden verschlechtert sich massiv – weltweit ist fast die Hälfte aller Böden betroffen: Die fruchtbare Bodenschicht (Humusschicht) wird immer dünner; es wird schwieriger, Nahrungsmittel anzubauen. Der Grund: Die Landwirtschaft, insbesondere die industrielle Landwirtschaft, vernachlässigt die Böden. Agrarökologische Systeme hingegen fördern die Vielfalt über und unter der Erde. Die Böden können besser Wasser speichern bzw. aufnehmen, die Pflanzen können tiefer wurzeln. Wenn  eine Vielfalt von Pflanzen angebaut und der Boden nach der Ernte mit Ackerwildkräutern bepflanzt wird, wird Humusaufbau möglich. Ökologisch nachhaltige Landwirtschaft ist daher unverzichtbar.

Mehr lesen: Kleinbäuerliche, ökologisch nachhaltige Landwirtschaft

7. Konzernmacht und Hunger

Immer weniger, dafür immer größere Konzerne (z. B. Bayer-Monsanto, BASF, Nestlé oder EDEKA) kontrollieren die Märkte – vom Acker bis zur Ladentheke. Bäuerliche Produzenten und Arbeiter*innen sind der „Marktmacht“ der Konzerne weitestgehend machtlos und schutzlos ausgeliefert. Wer die Macht hat, kann auch die Politik in seinem Sinne beeinflussen. Die Folge: Landgrabbing, Ackergifte, Umweltschäden und die Zerstörung lokaler Ernährungssysteme.

Mehr lesen: Konzernmacht

8. Spekulation und Hunger
Protest: Mit Essen spielt man nicht!

Wenn Finanzakteure auf Preise von Agrarrohstoffen spekulieren, treiben sie damit die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe. Darunter leiden vor allem Menschen aus armen Ländern, die bis zu 80 Prozent ihres Monatseinkommens für Essen ausgeben müssen. Explodieren die Preise für Nahrung, könnte sich eine Krise wie 2008 wiederholen, als die Zahl der Hungernden weltweit auf über eine Milliarde Menschen stieg. Profitiert haben indes Agrarkonzerne wie Cargill, die Wetten auf steigende Preise abgeschlossen hatten.

Mehr lesen: Nahrungsmittelspekulationen

9. Fleisch und Hunger
Kühe in Bangladesh

Die industrielle Tierhaltung verursacht nicht nur klimaschädliche Treibhausgase. Der Fleischkonsum der einen verschärft den Hunger der anderen: Weltweit werden 56 Prozent der Maisproduktion und 19 Prozent der Weizenproduktion als Futtermittel verwendet. Der Anbau von Soja in Monokulturen zerstört Wälder und die natürlichen Lebensgrundlagen von indigenen und ländlichen Gemeinden.

Mehr lesen: Oxfam-Positionspapier „Die EU exportiert, die Welt hungert“

10. Vorsorge vor Hungersnöten
Blantyre, Malawi: Ein Kind isst Porridge

Es gibt oft keine strukturierte Vorsorge vor Hungerkrisen. Beispielsweise könnten Regierungen Hungersnöten vorbeugen, indem sie gemeinsam ausreichend Nahrungsmittelreserven aufbauen. So könnte man dafür sorgen, dass die Bevölkerung in Krisenländern genug zu essen hat.

Teufelskreise der Armut

Lern Helfer

Unterentwicklung und Armut

Wenn von Entwicklungsländern die Rede ist, geht es oft um Armut. Das bezieht sich zum einen auf die im Vergleich zu den reichen Industrieländern armen Länder der Dritten Welt. Zum anderen sind in den Entwicklungsländern viele Menschen und soziale Gruppen von Armut betroffen. Ihre Lage ist auf Bedingungen zurückzuführen, auf die die Betroffenen oft keinen unmittelbaren Einfluss haben. Sie sind allein nicht fähig, ihre Lage grundlegend zu verändern, etwa durch längeres Arbeiten oder durch sparsameren Umgang mit Geld. Diese Armut ist vielmehr eine Folge von Unterentwicklung.
Aus der Sicht der Lebensperspektive bedeutet Armut, dass die Menschen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln können und ihre Zukunft nicht selber gestalten können. Armut ist darauf zurückzuführen, dass bestimmte elementare Fähigkeiten fehlen, wichtige Lebenschancen wahrzunehmen. Kriterien für ein notwendiges Mindestniveau sind beispielsweise die Ernährungslage, die medizinische Versorgung, die Verfügbarkeit von Wohnraum, der Zugang zu Bildung, der Zustand der Umwelt, Rechtssicherheit und die Mitwirkung am gesellschaftlichen und politischen Leben.

Teufelskreisläufe der Armut

Unterentwicklung wird modellhaft als Teufelskreis der Armut“ erklärt. Dabei werden einzelne Merkmale der Entwicklungsländer jeweils in einer Kette von Ursachen und Wirkungen aneinander gereiht. Es wird deutlich, dass die unterschiedlichen Symptome von Armut untereinander zusammenhängen. Je nachdem, wo man ansetzt, beginnt eine Spirale, ein Kreislauf, der immer wieder zum Kern, zur Armut als einem ganzen Bündel von Problemen zurückkehrt (Bild 1).

Die Teufelskreise der Armut vermitteln einen Überblick über Probleme und Abhängigkeiten in den Entwicklungsländern, ohne jedoch Lösungsansätze für deren Bewältigung zu erbringen. Innere, in vielen Ländern selbst liegende Ansatzpunkte solcher Teufelskreise können beispielsweise sein:

  • Strukturen von Ausbeutung,
  • fehlende Arbeitsplätze und geringes Einkommen,
  • unzureichende Bildung,
  • fehlende Nahrungsmittel und Unterernährung,
  • schlechter Gesundheitszustand und Krankheiten (z. B. Aids-Infektion),
  • niedrige Produktivität insbesondere in der Landwirtschaft,
  • Mangel an Ressourcen wie Boden und Wasser,
  • Umweltzerstörung,
  • hohes Bevölkerungswachstum,
  • bewaffnete Konflikte.

Solchen Situationen stehen Einzelne oft hilflos gegenüber. Wer sein Augenmerk jedoch nur auf diese Teufelskreise richtet, läuft Gefahr, keinen Ausweg zu sehen und nicht mehr nach den entscheidenden Ursachen für diese verhängnisvolle Kette zu fragen. Diese wiederum nur in den Entwicklungsländern selbst zu suchen, berücksichtigt weder historische und gesellschaftliche Gründe, z. B. die Folgen aus der Kolonialzeit, noch die internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen. Die Ursachen für Armut sind äußerst vielschichtig, eng miteinander verwoben und von Land zu Land verschieden.

Ein Mangel an natürlichen Ressourcen und ein nicht-nachhaltiger Umgang mit den Ökosystemen erweisen sich in vielen Entwicklungsländern ebenfalls als wesentliche Faktoren für die Armut breiter Schichten der ländlichen Bevölkerung. Durch begrenzte oder eingeschränkte Rechte über Landnutzung und Verkleinerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Ergebnis des Erbrechts bzw. durch Verlust von Arbeitskräften (z. B. durch Abwanderung von Jugendlichen) sind die Familien gezwungen, traditionelle und Ressourcen schonende Anbaumethoden aufzugeben. Beispielsweise werden Brachezeiten verkürzt, unproduktives Land genutzt und Tierdung nicht mehr als Dünger ausgebracht, da er dringend als Brennstoff benötigt wird. Die Überschreitung der der natürlichen Produktion gesetzten Grenzen wie Klima, Bodenqualität oder Geländeform führt zu langfristiger Schädigung von Böden (Übernutzung) oder Vegetation (Tierfraß, Brennholznutzung). Die Folge sind Produktions- und Einkommensverluste. Dies wiederum führt dazu, dass die natürlichen Ressourcen verstärkt genutzt werden. Es beginnt ein Teufelskreis, der durch negative ökologische und soziale Symptome gekennzeichnet ist.

Einfluss auf diesen Kreislauf der Armut haben aber auch die Wirtschaftsstruktur des jeweiligen Landes sowie die außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. So führt beispielsweise zunehmende Exportorientierung des Landes zum verstärkten Anbau von Exportkulturen in der Landwirtschaft. Das hat wiederum zur Folge, dass weniger Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung produziert werden. Ernährungsprobleme nehmen zu, überschüssige Arbeitskräfte wandern in die städtischen Ballungsräume ab und geraten in die Arbeitslosigkeit. Die Landbevölkerung verarmt weiter.

Zusammenhang zwischen höherer Bildung und Überwindung von Armut
 
Teufelskreise der Armut durchbrechen

Der enge Zusammenhang zwischen Symptomen und Wirkungen der Armut hat zu der weit verbreiteten Annahme geführt, dass die Teufelskreise der Armut in der Dritten Welt unausweichlich seien. Armut kann jedoch schrittweise beseitigt werden, wenn es gelingt, die negative Abfolge von Ursachen und Wirkungen zu durchbrechen. Das ist zugleich ein Appell an die Regierungen und an alle gesellschaftlichen Kräfte, durch eine konsequente Politik der Armutsbekämpfung die Teufelskreise der Armut zu beseitigen.

Als ein zentrales Kettenglied, Armut zu bekämpfen und Entwicklung zu fördern, erweist sich die Hebung des Bildungsniveaus. Ohne grundlegende qualitative und quantitative Verbesserung im Bildungssektor kann weder Armut überwunden, noch sozialer Fortschritt erreicht werden (Bild 2).
Bildung gibt dem einzelnen Menschen die Möglichkeit, ein erfülltes Leben zu führen. Sie trägt zugleich dazu bei, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Krankheiten können verhütet, Ernährung und Produktivität gesichert werden. Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen in Entwicklungsländern, die lesen und schreiben können, durchschnittlich weniger und gesündere Kinder zur Welt bringen als Analphabetinnen. Im Kampf gegen die Immunschwäche Aids gilt Bildung als Hauptansatzpunkt, die schnelle Ausbreitung des HI-Virus zu stoppen.
Die enge Wechselwirkung zwischen Armut, geringer Bildung, Krankheit, Unterernährung, Arbeitslosigkeit sowie hohem Bevölkerungswachstum kann durch höheres Bildungsniveau durchbrochen werden.

Möglich ist auch, die Wechselwirkungen zwischen mangelnder Ressourcenausstattung und Armut zu beseitigen, wenn die Ressourcen zugunsten der Armen umverteilt werden. Gerechtere Verteilung von Boden und Wasser im Ergebnis von Agrarreformen sind Voraussetzung für ausreichende Nahrungsmittelproduktion und für eine grundlegende Veränderung der Lebensweise der armen Bevölkerung auf dem Lande. Damit entstehen völlig veränderte Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen ländlicher Entwicklung:

Zugang zu fruchtbarem Boden und Wasser ---> intensive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Nutzfläche ---> Steigerung der Produktion von Grundnahrungsmitteln (extrem Arme erhalten etwa 70–80 % ihrer Kalorien aus Grundnahrungsmitteln) ---> Verbesserung der Lebenssituation.

Notwendig ist jedoch der politische Wille der Regierenden in den Entwicklungsländern, unter aktiver Einbeziehung der Zivilgesellschaft und mit Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit wirksame Armutsstrategien zu entwickeln und grundlegende Reformen zugunsten der armen Schichten der Bevölkerung durchzusetzen.

 

Τρίτη 18 Δεκεμβρίου 2018

Entwicklungshilfe ist ein Auslaufmodell


www.nzz.ch

Ausländische Hilfsgelder versickern gerade in Afrika oft im Sand. Sie können sogar schaden, die Korruption anheizen, die wirtschaftliche Entwicklung hemmen und diktatorische Regime zementieren.

In mindestens der Hälfte der Länder Afrikas herrschen entweder Kriege, machen Rebellen beziehungsweise Terroristen das Land unsicher, oder es grassiert extreme Armut. 

Es ist schwierig, politisch korrekt über Afrika zu sprechen. Berichtet man über das verbreitete Elend auf dem Kontinent, heisst es, Afrika bestehe doch nicht nur aus Kriegen und Katastrophen, man solle auch einmal über Fortschritte, Modernisierung, Wirtschaftswachstum und den – angeblich – boomenden Mittelstand berichten. Diese beschönigende, verharmlosende Kritik ist seltsamerweise oft von links und aus Kreisen der Entwicklungszusammenarbeit zu hören. Vielleicht soll damit dem Vorwurf, die Hilfe habe nichts gebracht, vorgebeugt werden.
Es heisst auch, man solle nicht pauschalisierend über Afrika reden, am besten vermeide man das Wort «Afrika» ganz. Aber der Mehrheit der Bevölkerung in den meisten Ländern geht es schlecht, der Kontinent bildet ökonomisch immer noch weit abgeschlagen das globale Schlusslicht, und nur schon aus diesem Grund kann man weltwirtschaftlich sehr wohl von Afrika sprechen. Es ist zynisch, so zu tun, als sei die schmale Mittel- und Oberschicht repräsentativ für ein angeblich neues Afrika. Wenn alles so prima wäre, warum möchten dann laut einer kürzlich veröffentlichten Erhebung drei Viertel der jungen Erwachsenen Senegal verlassen, eines der demokratischsten und stabilsten Länder des Kontinents? 

Hilfsgelder als Droge

Geht man von den desolaten Zuständen in den meisten afrikanischen Ländern aus, stellt sich die Frage nach den Ursachen. Verteidiger der Entwicklungszusammenarbeit suggerieren oft, es liege am Westen (hier gibt es weniger Skrupel zu verallgemeinern als beim Wort «Afrika»). Das beginnt beim Sklavenhandel, geht über den Kolonialismus und endet bei den angeblich vom Westen errichteten Handelsbarrieren, die Afrika in Abhängigkeit halten und seinen Aufschwung verhindern würden. Das Argument wird seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt, obwohl inzwischen die meisten afrikanischen Staaten, weil sie zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zählen, fast alles zoll- und kontingentfrei in die EU exportieren können. Es ist irreführend, zu suggerieren, der Abbau der wenigen noch verbliebenen Handelsschranken würde zu einer Wende führen. Keine der bisherigen Liberalisierungen gibt zu dieser Prognose Anlass. Man könnte hier in Klammern anfügen, dass es aufseiten der afrikanischen Staaten oft absurde Zollbestimmungen gebe, so wenn zum Beispiel sogar Hilfslieferungen verzollt werden müssen und Organisationen zu abstrusen bürokratischen Hindernisläufen verdammt werden, um helfen zu dürfen.

Erdöl- und Rohwarenfirmen wie Shell oder Glencore werden – zum Teil zu Recht – gescholten, aber bei korrupten Despoten wie Kabila, die letztlich die Bodenschätze an diese ausländischen Firmen zu Spottpreisen verschleudern, blickt man diskret weg. Man will nicht in den Ruch kommen, wieder einmal klischeehaft das «Herz der Finsternis» zu evozieren. Nimmt man die politischen Verhältnisse ins Visier, müsste man zugeben, dass nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit in einem Land wie Kongo-Kinshasa unter den gegenwärtigen Bedingungen ziemlich hoffnungslos ist. Und es gibt mehrere Länder mit einer vergleichbaren politischen Situation.
In Wirklichkeit ist es ziemlich einfach: In mindestens der Hälfte der Staaten herrschen Kriege, extreme Armut oder machen Rebellen beziehungsweise Terroristen das Land unsicher. Oder sie leiden an Staatschefs, die inkompetent, gleichgültig, wenn nicht sogar korrupt sind und denen es nicht gelingt, die Volkswirtschaft zu diversifizieren oder auch nur minimal zu industrialisieren. Auf mehrere Länder treffen alle Bedingungen gleichzeitig zu. Die Investitionshemmnisse sind oft politischer Natur und haben nichts mit einem angeblich schlechten Image Afrikas und Vorurteilen zu tun. Viele Investoren sind durchaus risikofreudig, aber es gibt Grenzen. Afrika wird «armregiert». Hinzu kommt das starke Bevölkerungswachstum, welches das wirtschaftliche Wachstum oft wieder wegfrisst. Aber auch dieses Thema ist ein Minenfeld der politischen Korrektheit.
Für einen Regenten ist es angenehm, wenn er kein Volk von Steuerzahlern vor sich hat, sondern Vertreter von Organisationen, die froh sind, wenn sie ihre Projekte durchführen können.

Entwicklungszusammenarbeit wird überschätzt. Sie hilft sicher da und dort, wird oft mit grossem Engagement und Wissen betrieben, aber am grossen Ganzen ändert sie nicht viel. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Manchmal schadet sie auch. «Hilfe ist wie Öl, sie erlaubt mächtigen Eliten, öffentliche Einnahmen zu veruntreuen», schrieb der Ökonom Paul Collier. Sie ist, vor allem in Form der Budgethilfe, eine automatische Rente, wie jene aus den natürlichen Ressourcen. Solches «money for nothing» wirkt wie eine Droge. Sie macht abhängig, korrumpiert den Empfänger und raubt ihm die Motivation für Produktivität.
Es handelt sich um eine unheilige Allianz zwischen «Gebern» und Regimen, die dank dem finanziellen Zufluss in den Haushaltbereichen Gesundheit, Soziales und Bildung sparen können und dafür mehr Geld übrig haben für die persönliche Sicherheit oder die Armee. Das ist eine fatale Interessenkonvergenz zwischen Wohlmeinenden und Despoten. Es ist natürlich für einen Regenten angenehm, wenn er kein Volk von Steuerzahlern vor sich hat, dem er Rechenschaft schuldig ist, sondern Vertreter von Organisationen, die froh sind, wenn sie ihre Projekte durchführen können. Entwicklungsgelder schaffen falsche Anreize.
So kann für Regierungen Armut profitabel sein: Es ist einfacher, Hilfsgelder zu verlangen, als eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen. In manchen Ländern gibt es mehr NGO als Firmen. Ausländisches Geld kann korrupte Regime am Leben erhalten und zementieren. 

Junge Staatlichkeit

Abgesehen von der humanitären Nothilfe, die eine moralische Pflicht ist, gibt es zwei Arten von Entwicklungszusammenarbeit: einerseits die kleinen, lokalen Projekte, die von der Bevölkerung vor Ort getragen werden. Die Gefahr von Planungsruinen und «weissen Elefanten» ist hier eher klein. Aber Brunnenbau und Initiativen zum Korbflechten können keine Institutionen und Strukturen ersetzen. Es gibt kein wahres Leben im falschen. Andererseits gibt es die Versuche zu strukturellen Reformen beispielsweise des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), die beim grossen Ganzen ansetzen wollen. Aber dort ist die Gefahr der Zweckentfremdung der Mittel und der bürokratischen Leerläufe umso grösser. Entwicklung lässt sich nicht delegieren.
Auch der generelle Hinweis auf den (Neo-)Kolonialismus, mit dem an das schlechte Gewissen der Spender appelliert wird, bringt wenig. Das Hauptproblem vieler afrikanischer Länder ist die junge Staatlichkeit. Manche befinden sich immer noch in der Phase des Nation-Building oder sind überhaupt Pseudostaaten, wie Kongo-Kinshasa. Natürlich kann man den Kolonialmächten vorwerfen, dass sie wenig dazu beigetragen haben, tragfähige politische Strukturen zu errichten und frühzeitig Kader auszubilden. Aber ohne Kolonialismus sähe die Situation wahrscheinlich in dieser Hinsicht nicht viel anders aus; möglicherweise wären die Staaten noch weniger ausdifferenziert und fragiler. Im Bereich der vorkolonialen Staatlichkeit unterscheidet sich Afrika radikal von Asien, und das erklärt vielleicht auch, warum sich ein Land wie Vietnam, das gleich mehrmals unter Kolonialismus und Krieg leiden musste, rascher stabilisieren und entwickeln konnte.

Es gibt vielerorts in Afrika, gerade unter Staatschefs, die Tendenz, die Weissen für alle Übel des Kontinents verantwortlich zu machen und sich so aus der Verantwortung zu stehlen. Bezeichnend ist allerdings, dass dabei «der Europäer», auch im Verständnis der Bevölkerung, oft ambivalent besetzt ist. Er ist Übeltäter, Kolonialist, Ausbeuter, Unterdrücker, Rassist, aber auch Retter, Heilbringer, Geber, Wohltäter. Diese Widersprüchlichkeit spiegelt sich auch in der Migration, wenn sich Ausreisewillige Europa als Garten Eden vorstellen, zugleich aber einen angeblich allgegenwärtigen Rassismus beklagen.
NGO fordern seit Jahren, die westlichen Staaten müssten mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts in die Entwicklungszusammenarbeit investieren. Vielleicht haben wir uns schon so an die Ökonomisierung und Quantifizierung aller Lebensbereiche gewöhnt, dass uns die Seltsamkeit dieser Forderung gar nicht mehr auffällt. Die Advokaten der Entwicklungshilfe sind oft eher kapitalismuskritisch eingestellt; aber offenbar haben sie die Geld-Logik so verinnerlicht, dass sie annehmen, «mehr» sei automatisch «besser».

Der Westen hat kein Interesse an einem armen Afrika, aus dem er einfach die billigen Rohstoffe abtransportieren kann. Es stimmt nicht, dass die «Multis» die Anstrengungen Afrikas, sich zu industrialisieren, systematisch hintertreiben. Für Rohstofffirmen wäre es häufig lukrativer, die Ressourcen vor Ort zu verarbeiten. Aber die Voraussetzungen für diese Art längerfristigen Engagements – Infrastruktur, Transportwege, Energieversorgung, Rechtssicherheit, Personal, Stabilität – fehlen oft gerade in den Rohstoffländern. Ein wohlhabendes, funktionierendes Afrika wäre nicht nur als Produktionsstandort, sondern auch als Absatzmarkt für die Industrieländer interessanter als der Kontinent im jetzigen Zustand.
Der Text ist die gekürzte Version eines Vortrags, den der Autor am 15. August im Rahmen der Veranstaltung «Entwicklungspfade in Afrika und in Asien» an der Universität Bern hielt. Am 22. August nimmt David Signer an der Podiumsveranstaltung «Wer ist schuld am Elend Afrikas?» im Kaufleuten in Zürich teil.

Δευτέρα 8 Ιανουαρίου 2018

Mehr Kriege, mehr Hunger?


Welthunger-Index 2015: Krieg und Hunger
 
Führt Krieg zu Hunger? Führt Hunger zu Krieg? Der aktuelle Welthunger-Index hat sich diese Frage angeschaut.


 
Der Welthungerhilfe-Index ist ein gemeinsamer Bericht von Welthungerhilfe, dem Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) und der irischen Nichtregierungsorganisation Concern Worldwide. Die 10. Ausgabe ist am 12. Oktober 2015 erschienen.

Im Jahr 2014 verließen im Schnitt rund 42.500 Menschen am Tag ihre Heimat, weil sie dort nicht mehr sicher waren. Die meisten von ihnen flohen vor den Kriegen in Syrien, Afghanistan und Somalia.
Die Länder, die sich im Krieg befinden oder in denen jüngst ein Konflikt beendet wurde, verzeichnen im Welthunger-Index (WHI) häufig auch besonders beunruhigende Hungerwerte. Der Zugang zu Bildung ist in Konfliktländern schlechter und die Verbreitung von Unterernährung und Kindersterblichkeit sind erheblich höher als in vergleichbaren stabilen Ländern.  
So sind die Hungerwerte in der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad und Sambia am höchsten. In den ersten beiden Ländern leben die Menschen seit Jahren in großer Instabilität und kriegerischen Auseinandersetzungen. Auch wenn es häufig nicht den einen Auslöser für Hunger oder Krieg gibt: Konflikte und Hunger stehen in einem engen Zusammenhang.

Mehr Zahlen zum Hunger in der Welt: 
 
  • In 52 der 117 Länder, die im Welthunger-Index gelistet sind, ist die Hungersituation ernst oder sehr ernst.
  • In keinem Land wird die Hungersituation in diesem Jahr als "gravierend" eingeschätzt. Jedoch fehlen unter anderem Daten aus Burundi, Kongo, Eritrea, Somalia, Südsudan und Sudan, die in den Vorjahren hohe Hungerwerte vorwiesen. Zudem sind viele dieser Länder von bewaffneten Auseinandersetzungen betroffen.
  • In Afrika südlich der Sahara und in Südasien ist die Hungersituation weiterhin am kritischsten, auch wenn es hier insgesamt Erfolge im Kampf gegen den Hunger gibt.
  • Jedes vierte Kind weltweit ist aufgrund chronischer Unterernährung im Wachstum verzögert. Neun Prozent der Kinder, also fast eines von zehn, ist aufgrund von akuter Unterernährung ausgezehrt.   
  • Fast die Hälfte aller Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren ist durch Mangelernährung begründet. 
  • Insgesamt sind die Hungerwerte seit 2000 um 27 Prozent gesunken. 17 Länder, darunter Aserbaidschan, Bosnien und Herzegowina, Brasilien, Kirgisistan, Kroatien, Lettland, die Mongolei, Peru, die Ukraine und Venezuela, verringerten ihre Werte um die Hälfte oder mehr.
  • Absolut gesehen konnten Ruanda, Angola und Äthiopien ihre Werte zwischen dem WHI 2000 und dem WHI 2015 am stärksten reduzieren, jedoch bleibt hier die Hungersituation insgesamt kritisch.

Bedeuten mehr Kriege auch mehr Hunger? 
 
Armut, Hunger, Klimawandel, Krieg: Wir schauen auf die Wechselwirkungen von Hunger und bewaffneten Konflikten.
 
 

Im Jahr 2014 mussten mehr als dreizehn Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Die meisten von ihnen flohen vor bewaffneten Konflikten in Syrien, Afghanistan und Somalia. Länder mit kriegerischen Auseinandersetzungen zeigen laut Welthunger-Index 2015 in der Regel auch besonders beunruhigende Hungerwerte.    
 
Bewaffnete Konflikte untergraben die Ernährungssicherheit der Menschen in vielerlei Hinsicht: 
  • Flucht und Vertreibung führen dazu, dass Bauern ihre Felder nicht mehr bestellen können und häufig ihr gesamtes Hab und Gut verlieren.
  • Straßen und landwirtschaftliche Infrastruktur werden zerstört und Saatgut, Dünger und Treibstoff sind nur eingeschränkt und zu hohen Preisen verfügbar.
  • Darunter und durch die eingeschränkte Sicherheit leidet auch der Handel.
  • Da viele Nahrungsmittel nicht mehr erhältlich oder schlicht zu teuer sind, essen die Menschen weniger und meist auch einseitiger. Dies führt zu mangelnder Nährstoffversorgung, die insbesondere die Kinder trifft. Hinzu kommt auch noch, dass es häufig weder sauberes Trinkwasser noch ausreichende medizinische Versorgung gibt, was vor allem die Kinder noch weiter schwächt. 
Fast zwei Drittel aller Kinder, die an chronischer Unterernährung leiden, leben heute in Entwicklungsländern, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind. Vor zwanzig Jahren war es noch weniger als die Hälfte. Auf nationaler Ebene werden häufig die Militärausgaben erhöht und Ressourcen aus entwicklungsrelevanten Bereichen wie der Landwirtschaft, der ländlichen und sozialen Infrastruktur abgezogen. Der Konfliktforscher Paul Collier errechnete, dass sich das Wirtschaftswachstum eines Landes mit jedem Jahr, in dem es sich in einem bewaffneten Konflikt befindet, durchschnittlich um 2,3 Prozent reduziert und es 17 Jahre dauert, bis es diesen Verlust wieder aufgeholt hat.
 
Hunger erhöht das Konfliktrisiko

Aber ist Ernährungsunsicherheit auch ein Auslöser für gewaltsame Konflikte? Die sogenannten "Hungerrevolten" als Reaktion auf Nahrungsmittelpreiserhöhungen im Jahr 2008 in Haiti oder die Aufstände des Arabischen Frühlings 2011 legen diesen Schluss nahe.
Doch die Realität ist komplexer und die Verknappung von Lebensmitteln ist in der Regel nur einer von mehreren Gründen, die für den Ausbruch von gewaltsamen Konflikten verantwortlich sind. Dies gilt insbesondere in Ländern, die stark von Nahrungsmittelimporten abhängen. 
 
Armut ist einer der Hauptfaktoren, die zu bewaffneten Konflikten führen.

Schwache staatliche Strukturen, ein stagnierendes Wirtschaftswachstum, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und der ungleiche Zugang zu Einkommen, Land und natürlichen Ressourcen bilden die Grundlagen für die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen und schaffen ein Klima der Perspektivlosigkeit, das Menschen empfänglicher für Gewaltstrategien macht. 
Wie hängen Klimawandel und Konflikte zusammen? 
 
Ein viel debattierter Zusammenhang besteht auch zwischen Konflikten und den Folgen des Klimawandels. Es gibt große Überschneidungen zwischen Ländern, die besonders anfällig für klimabedingte Katastrophen sind und solchen mit wiederkehrenden bewaffneten Konflikten, so zum Beispiel die erweiterte Region um das Horn von Afrika (Äthiopien, Kenia, Somalia, Sudan und Südsudan) und die Sahelzone Westafrikas. Extreme Wetterereignisse wie Dürren und darauffolgende Nahrungsmittelknappheit können Konflikte entstehen lassen oder verschärfen. Dennoch scheint vor allem die Fähigkeit, beziehungsweise Unfähigkeit von Regierungen, die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen an Entwicklungsprozessen zu gewährleisten und angemessen auf humanitäre Krisen zu reagieren, ausschlaggebend.  
 
Wie kann der Kreislauf von Hunger und Krieg durchbrochen werden? 
  • In Afrika südlich der Sahara und im Mittleren Osten ist die Entwicklung derzeit mehr als kritisch. Es sind große Anstrengungen erforderlich, damit sich Krieg und Hunger hier nicht weiter gegenseitig verstärken. 
  • Im Falle drohender Hungersnöte muss humanitäre Hilfe denjenigen zukommen, die sie am dringendsten benötigen – unabhängig von politischen Erwägungen. 
  • Dabei dürfen langfristige Bemühungen, die lokale Nahrungsmittelproduktion zu verbessern, nicht untergraben werden.  
  • Strategien, die Menschen helfen, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und ihren Ernährungszustand zu verbessern, leisten auch einen Beitrag zur Konfliktprävention. 
  • Entscheidend ist aber, auch die zugrundeliegenden Ursachen von Hunger und bewaffneten Konflikten, unter anderem Armut und die sich verschärfende Ungleichheit, anzugehen und Regierungen dafür in die Verantwortung zu nehmen.
 
Siehe auch
 

Τετάρτη 3 Ιανουαρίου 2018

Der Welthunger – Produkt kapitalistischer Ausbeutung



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FASSADENKRATZER

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Jean Ziegler

Wer glaubt, der Hunger in den Entwicklungsländern, sei ein Ergebnis der schwierigen geographischen und klimatischen Bedingungen, sowie der Rückständigkeit und der Unfähigkeit der dort lebenden Menschen, mit den Problemen fertig zu werden, unterliegt einem schweren Irrtum. Es ist ein Irrtum, der aus Unwissenheit und Gleichgültigkeit erwächst und in der großen Zahl dazu beiträgt, dass die wahren Ursachen nicht benannt, geschweige denn bekämpft werden und maßloses Elend, Leid, Krankheit und frühzeitiger Tod unter Milliarden Menschen weiter wüten können.

Bei Naturkatastrophen sind Spenden von Hilfsgütern und Nahrungsmitteln notwendig. Doch es geht um von Menschen inszenierte Dauer-Katastrophen, in denen Spenden partiell sicher lindern und das eigene Gewissen zum Schweigen bringen können – als dauerhafte Geste sind sie zynisch und entwürdigend, da sie die Ursachen unangetastet lassen und letztlich das Andauern der Katastrophe befördern. „Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade“, brachte dies der große Schweizer Pädagoge Pestalozzi in ein drastisches Bild. Die Menschen benötigen weniger herablassende Gnade als die Wiedereinsetzung ihres natürlichen Rechtes auf Nahrung, Gesundheit und Leben in ihrem Lande.

Ausmaß und Folgen des Hungers

Nach der aktuellen Schätzung der Vereinten Nationen vom Oktober 2014 leiden weltweit rund 805 Millionen von insgesamt 7,2 Milliarden Menschen unter Hunger. Das sind knapp 11,2 Prozent der Weltbevölkerung oder jeder neunte Mensch. Dem Index der Welthungerhilfe zufolge ist das Ausmaß des Hungers in 14 Ländern „sehr ernst“, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, sowie in Haiti, Laos, Timor-Leste und im Jemen. Eritrea und Burundi werden als „gravierend“ eingestuft; hier gelten mehr als 60 Prozent der Bevölkerung als unterernährt. In 39 Ländern gilt die Ernährungslage der Bevölkerung als „ernst“. Allerdings konnten auch nicht alle Entwicklungsländer erfasst werden; für Kongo, Afghanistan und Somalia beispielsweise fehlen verlässliche Daten.

Zum Hunger muss man den sogenannten „verborgenen Hunger“ hinzuzählen, den akuten Mangel an wichtigen Mikronährstoffen wie Vitamin A, B, D, Eisen und Jod. Ein Mensch, der chronisch fehlernährt wird, kann sich satt fühlen, aber trotzdem schwer erkranken und sterben. Am verborgenen Hunger leiden, unter Einbeziehung der Industriestaaten, weltweit 2 Milliarden Menschen, also fast jeder dritte Mensch.(1) In den 122 Ländern der Dritten Welt, in denen nahezu 80 % der Weltbevölkerung leben, verursacht die Mangelernährung eine Fülle von Krankheiten, Behinderungen und den Tod vieler Menschen. Viele leben von den großen städtischen Müllhalden.

Jean Ziegler, lange UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, schildert aus seinen Reiseerfahrungen: „Die calampas in Lima, die favelas in Sao Paulo oder die dreckigen Slums der smoky mountains in Manila sind Orte, an denen ein pestilenzialischer Gestank herrscht. In den smoky montains, wo eine halbe Million Personen leben, liegt überall der Fäulnisgeruch in der Luft. Ratten beißen Säuglinge ins Gesicht. In diesen Blechhütten füllen sich die Frauen, Kinder und Männer mit Nahrungsabfällen, die sie auf den Müllbergen auflesen, den Magen. Die Kalorienzufuhr mag also manchmal ausreichen. Die Zusammensetzung der Nahrung hingegen kann gefährliche Mängel mit sich bringen.“(2)

Die am weitesten verbreiteten Krankheiten, die von diesen Mängeln verursacht werden, sind der Kwashiorkor, Anämie, Rachitis und Blindheit. Die Opfer von Kwashiorkor bekommen einen geblähten Bauch, ihr Haar wird rot, ihre Gesichtsfarbe gelb, und sie verlieren die Zähne. Wer permanent unter Vitamin-A-Mangel leidet, erblindet. Alle vier Minuten erblindet in der Dritten Welt ein Mensch aus diesem Grunde! Die Anämie geht zumeist auf den Mangel an Eisen zurück, das zur Blutbildung unerlässlich ist. Der Kranke verliert alle Energie und jegliche Konzentrationsfähigkeit. Von den insgesamt 1,3 Milliarden Anämie-Kranken in der Welt haben ca. 800 – 1.000 Millionen Eisenmangel als Ursache. In der südlichen Hemisphäre sind das über 50 % der Frauen und 20 % der Männer. Babys zwischen sechs und vierundzwanzig Monaten, für die in dieser Zeit Eisen zu einer gesunden Bildung der Hirnneuronen extrem wichtig ist, werden bei Eisenmangel in ihrer Entwicklung stark beeinträchtigt. In den 49 ärmsten Ländern betrifft dies 30 % der Kleinkinder. Sie bleiben ihr Leben lang geistig zurück. Etwa 600.000 Frauen sterben pro Jahr während ihrer Schwangerschaft aufgrund eines schweren Eisenmangels.(2)

Mehr als eine Milliarde Menschen leiden an Jodmangel, der sich verheerend auf den Körper der Schwangeren und damit der Kinder auswirkt. Jedes Jahr kommen 18 Millionen Kinder mit geistigen Behinderungen zur Welt, die durch Jodmangel verursacht sind. Laut UNICEF kommen 15 % aller Neugeborenen schon untergewichtig zur Welt. 161 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind als Folge von Mangelernährung unterentwickelt. Damit ist jedes vierte Kind unter fünf Jahren betroffen. Etwa 3,1 Mio. Kinder unter fünf Jahren sterben jährlich an den Folgen von Mangel- und Unterernährung; das sind rund 8.500 Kinder täglich. D. h. etwa alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an Hunger oder dessen Folgen.1 Doch das ist kein unabänderliches Schicksal. Es ist menschengemacht. „Ein Kind das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ (3)

Ursachen

Der Hunger ist die Folge von extremer Armut, wobei es hier um die absolute Armut in den Entwicklungsländern geht, bei der einem Menschen weniger als der Gegenwert von 1,25 US-Dollar pro Tag für seinen Lebensunterhalt zur Verfügung steht. Von den 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde leben nach einem UNO-Bericht von 2014 gegenwärtig 1,2 Milliarden in diesem äußersten Elend, weitere 800 Millionen sind unmittelbar davon bedroht.(4) Es ist ein Leben, das unter schlimmsten Entbehrungen von Nahrung, Kleidung, medizinischer Versorgung und Schulbildung menschliche Verwahrlosung und Entwürdigung bedeutet. Familien zerbrechen, Kinder werden früh Waisen, werden ausgesetzt, verstoßen oder fliehen und irren als Straßenkinder in den Städten umher, ohne Familie, Obdach und Hoffnung. Ihr Leben ist auf die ängstliche oder verschlagene Befriedigung ihrer kreatürlichen Bedürfnisse reduziert, minderjährige menschliche Tiere im Dschungel der Städte. Nur wenige erreichen die Volljährigkeit.(5)

Doch wo liegen die Ursachen dieser Verelendung menschlichen Daseins? Sie sind natürlich vielfältig. So spielen postkoloniale Strukturen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, wie ungerechte Bodenverteilung und die Herrschaft einer ausbeuterischen Klasse eine Rolle. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Aber die Hauptursache ist die Verschuldung durch das internationale Finanzkapital und dessen wirksamstes Durchsetzungs-Instrument, den IWF (s. Der Internationale Währungsfonds). Haben die Regierungen ihre Länder bei den internationalen Banken so hoch verschuldet, dass sie – oft durch unvorhergesehene Ereignisse – trotz Sparmaßnahmen und hoher Steuern den Zins- und Tilgungsdienst nicht mehr leisten können, ist der IWF als Kreditgeber letzter Instanz zur Stelle.

Sein Kredit, der aber nicht dazu dient, dem Land, sondern den Kreditgebern zu helfen, wird an die Bedingung harter Sparmaßnahmen und Profitanpassungsprogramme gebunden. Sie beinhalten meist tiefgehende Einsparungs-Diktate im Gesundheits- und Bildungsbereich, die unbegrenzte Öffnung des Marktes für ausländische Investoren und Waren, Ausrichtung des Exportes auf einzelne gut zu vermarktende Güter, Privatisierung von Staatsbetrieben und Staatseigentum und Abhängigkeit wesentlicher Regierungsmaßnahmen von der Zustimmung des IWF. Sie bedeuten den Verlust der Souveränität sowie Not und Elend ungeahnten Ausmaßes für die Bevölkerung, dagegen hohe Profite für die internationalen Investoren. Der Abbau von Importbeschränkungen z. B. führt dazu, dass billige Waren aus dem Ausland ungehindert ins Land fließen, was vor allem im Agrarsektor dramatische Folgen hat: Die Kleinbauern können mit den vielfach durch Subventionen des Auslandes (USA u. EU!) niedrigen Preisen nicht konkurrieren, verlieren ihre Lebensgrundlage und verarmen. Vor allem afrikanische Länder, die zuvor Nahrungsmittel exportiert hatten, wurden zu Importeuren und sind es bis heute geblieben. Hier herrschen in Wahrheit fremde Mächte mit versteckter Gewalt.

Jean Ziegler bringt es radikal auf den Punkt: „Die Herren des Wirtschaftskrieges plündern systematisch den Planeten. Sie attackieren die normative Macht der Staaten, sie zerstören die Volkssouveränität, untergraben die Demokratie, verheeren die Natur und vernichten die Menschen und deren Freiheit. Die Naturalisierung der Ökonomie, die ´unsichtbare Hand des Marktes` ist ihre Kosmogonie (Lehre von der Weltentstehung), die Profitmaximierung ihre Praxis. Ich bezeichne diese Kosmogonie und diese Praxis als strukturelle Gewalt. (…) Man braucht keine Maschinengewehre, kein Napalm, keine Panzer, um die Völker zu unterwerfen und unters Joch zu zwingen. Dafür sorgt heute ganz allein die Verschuldung. (…) Die subtile Gewalt der Verschuldung ist an die Stelle der sichtbaren Brutalität der Kolonialherren getreten.“ (6)

Rolle der herrschenden Klasse in den Entwicklungsländern

Der westliche Finanzkapitalismus könnte seine Herrschaft in den Ländern nicht ohne eine dort herrschende Schicht durchsetzen, die hinter glühendem öffentlichem Patriotismus letztlich seine Interessen vertritt und realisiert. Die Angehörigen dieser Klasse werden als Compradores (Käufer) bezeichnet; sie sind die von den neuen Feudalherren des Kapitals „gekaufte“ Bourgeoisie, die geistig und ökonomisch von ihren Herren völlig abhängig sind. Jean Ziegler unterscheidet zwei Typen: einmal die aus dem Kolonialismus überkommene Schicht der einheimischen Handlanger, die „zur neuen Führungsschicht des postkolonialen Staates aufgestiegen sind“, und zum anderen die von den ausländischen Mächten vor Ort beschäftigten „Direktoren und Führungskräfte, die wiederum örtliche Wirtschaftsanwälte, Journalisten usw. finanzieren und die (wenn auch diskret) die wichtigsten Generäle und die Polizeichefs in ihren Diensten haben.“ (7)

Diese Eliten haben sich zum Teil kulturell von der übrigen Bevölkerung völlig entfremdet. Vielfach im Westen ausgebildet, fühlen sich z. B. die Herrschenden Nigerias in ihren Zweitwohnungen am Montagu Place im Herzen Londons und bei den Pferderennen in Derby mehr zu Hause als in Nigeria. „Marbella, Algeciras, Cannes oder Cap Saint-Jaques sind die bevorzugten Aufenthaltsorte der Comprador-Klassen von Marokko, einem der ärmsten und korruptesten Länder in Nordafrika. Manche der luxuriösen Viertel von Miami werden fast ausschließlich von den Familien reicher Wirtschaftsanwälte oder Direktoren von multinationalen ausländischen Konzernen aus Kolumbien oder Ecuador bewohnt. Am Brickell Bay Drive haben die Comprador-Klassen der Karibik ihre Restaurants, ihre Clubs und ihre Bars, in denen sie unter sich sind.“(8)

Da die Comprador-Klassen schon lange an der Macht sind und ihr patriotischer Diskurs oft sehr eindrucksvoll ist, haben manche Völker sie als ihre „natürlichen“ Herrscher akzeptiert. Sie durchschauen nur schwer, welche Rolle diese in Wahrheit in ihrem Land spielen. Dabei genießen diese Eliten natürliche viele Privilegien und Vorteile. Von den Steuern nur wenig berührt, müssen die Hauptlast des Schuldendienstes der Mittelstand und die Armen tragen. Steht der Bau von Infrastrukturen, von Staudämmen, Straßen, Hafenanlagen und Flughäfen an und muss ein Minimum an Schulen und Krankenhäusern gebaut werden, nehmen sie allemal den bequemen Weg der Kreditaufnahme. Leicht lassen sich die Straßen vorrangig so bauen, dass sie zu ihren Latifundien führen, Häfen so ausbauen, dass der Export von Baumwolle, Kaffee und Zucker, an dem sie beteiligt sind, erleichtert wird. Und Binnenluftlinien dienen sowieso nur ihnen, da das Volk sich keinen Flug leisten kann. Für das Volk werden dafür Kasernen und Gefängnisse errichtet.

Entstehen und Wachsen der Schulden

Doch die Regierungen der Länder nehmen nicht nur Kredite aus wirtschaftlicher Notwendigkeit auf oder um der oberen Klasse, der sie angehören, Vorteile zu verschaffen. Ein wenig bekannter weiterer Grund liegt darin, dass sie zum Teil mit Bestechung oder Drohungen überhaupt erst kreditgeneigt gemacht werden und Agenten von Weltbank, IWF und Geheimdiensten ihnen mit Hilfe von gefälschten Gutachten übermäßige Kredite aufdrücken.(9) Bekannt geworden sind solche Praktiken insbesondere durch den Amerikaner John Perkins, der in seinem Buch „Bekenntnisse eines Economic Hit Man“ beschreibt, als früherer Chefökonom der Strategie-Beraterfirma Chas. T. Main Agent des US-Geheimdienstes NSA gewesen zu sein. Er hatte neben vielen anderen die Aufgabe,

den US-Geheimdienstbehörden und den multinationalen Konzernen zu helfen, ausländische Staatsoberhäupter dazu zu verleiten und ggf. zu erpressen, der US-Außenpolitik „zu dienen“ und der US-Wirtschaft lukrative Aufträge zu verschaffen. Im Wesentlichen sei es darum gegangen, Staaten höhere US-amerikanische Kredite zu verschaffen als sie ökonomisch verkraften konnten; durch deren so herbeigeführte Zahlungsunfähigkeit habe sich die USA weitreichende Einflusszonen, u.a. zur Gewinnung von Rohstoffen, in den jeweiligen Ländern gesichert. Staatschefs, die sich auf solche „Deals“ nicht einlassen wollten, seien von den USA mit geheimdienstlicher Hilfe aus dem Weg geräumt worden. Perkins nennt in seinem Buch explizit die früheren Präsidenten Panamas und Ecuadors, Omar Torrijos und Jaime Roldós, die beide bei mysteriösen Flugzeugabstürzen 1981 ums Leben kamen.(10)

Die Auslandsschulden der 122 Staaten der südlichen Hemisphäre beliefen sich 2005 insgesamt auf mehr als 2,1 Billionen Dollar.(11) Diese Summe ist nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in den Jahren bis 2014 auf über 4 Billionen Dollar angestiegen. Die Schulden erwürgen die Länder. Der Kapitalfluss von Süden nach Norden ist höher als umgekehrt. Im Jahr 2005 z. B. betrug die öffentliche Entwicklungshilfe der Industrieländer des Nordens für die Länder der Dritten Welt insgesamt 58 Milliarden Dollar. Als Schuldendienst flossen dagegen im selben Jahr zu den Banken des Nordens 482 Milliarden Dollar. Dies illustriert anschaulich die „strukturelle Gewalt, die in der heutigen Weltordnung am Werk ist.“ (12)

Der ständig wachsende Schuldendienst verschlingt den größten Teil der Ressourcen der armen Länder. Für soziale Investitionen in Schulen, Krankenhäuser, Sozialversicherungen usw. bleibt nichts mehr übrig. Jean Ziegler macht für das erdrückende Wachstum der Schuldenberge folgende Hauptgründe aus:

1) Die Preise der benötigten Industriegüter (Maschinen, Lastwagen, Medikamente, Zement usw.), die sie zum Großteil importieren müssen, haben sich auf dem Weltmarkt im Laufe der Jahre versechsfacht, während die Preise für die landwirtschaftlichen Rohstoffe (Baumwolle, Rohrzucker, Erdnuss, Kakao, Kaffee), die sie zumeist exportieren können, ständig gesunken sind. So mussten sie immer neue Kredite aufnehmen, um Zins und Tilgung finanzieren zu können.

2) „Die schleichende Korruption und die Hand in Hand mit Schweizer, amerikanischen und französischen Privatbanken organisierte Veruntreuung hat verheerende Ausmaße angenommen.“ Das Privatvermögen von Mobuto, des verstorbenen Diktators von Zaire, heute Kongo, z. B. belief sich auf 8 Mrd. Dollar. Die Auslandsschuld der Republik Kongo betrug 2004 etwa 13 Mrd. Dollar.

3) Die internationalen Gesellschaften in der Lebensmittelindustrie, der Industrie, im Handel, im Dienstleistungssektor und die internationalen Banken kontrollieren weite Sektoren der Wirtschaft in den Ländern der südlichen Erdhälfte. Ihre zumeist astronomischen Gewinne werden jährlich an die Firmensitze in Europa, Nordamerika oder Japan zurückgeschafft. Nur ein Bruchteil wird vor Ort reinvestiert.

4) „Die meisten transkontinentalen Gesellschaften, die in der Dritten Welt arbeiten, verwenden Patente, die im Besitz der Holding der Gesellschaft sind. Perulac und Chiprodal z. B., die Gesellschaften von Nestlé in Peru und Chile, hängen von der Nestlé Holding ab, die im Handelsregister (…) in der Schweiz eingetragen ist.“ Für die Verwendung dieser Patente müssen Lizenzgebühren bezahlt werden, die genauso wie die Profite ihren Weg in die Herkunftsländer nehmen.

5) Auf dem Weltkapitalmarkt sind die Länder und Unternehmen der Dritten Welt Schuldner mit hohem Risiko. Deshalb verlangen die internationalen Banken unvergleichlich höhere Zinsen als von den Industriestaaten des Nordens.(13)

Fazit

„Wie ein menschlicher Körper nach einer Aggression und einer schweren Verletzung sein Blut verliert, genauso müssen die Länder der südlichen Erdhälfte mit ansehen, wie ihre lebenswichtige Substanz zerstört wird aufgrund der Plünderung durch die Gläubiger, den IWF und deren Komplizen, die Comprador-Klassen.“(14) Und die Menschen bleiben und versinken weiter in Armut, leibliche und seelische Verelendung, Hoffnungslosigkeit, Krankheit und frühzeitigen Tod.

Was sind das für Menschentypen, die, hochbezahlt, in eleganten Anzügen oder Kostümen in den teuren Büros der glitzernden Banken und des IWF sitzen, und nüchtern ihre Analysen und Strategien erstellen? Was geht in diesen Technokraten und Söldnern des Profites Weniger vor, denen es in erster Linie auf die Verwandlung dieser Länder in Regionen des alles beherrschenden liberalen Marktes ankommt, in dem die Einheimischen nicht konkurrieren können, auf die Privatisierung der öffentlichen Güter, die freie Zirkulation des Kapitals und der Waren, um die Länder bestmöglich auszubeuten – ohne Rücksicht auf das maßlose Leid der betroffenen Menschen? „Die Gesetze des Marktes sind unumgehbar, unwandelbar. Träumen nutzt nichts“, sagte ein eleganter Söldner des IWF zu Jean Ziegler. Und das Entsetzliche: Er meinte es völlig ehrlich.(15)

Blind und taub für Elend, Krankheit und Tod, die sie hervorrufen, in ihrer eigentlichen menschlichen Qualität verkrüppelt und zurückgeblieben, üben die Technokraten des Wirtschaftsimperialismus über das Leben hunderter Millionen Menschen, Kinder und Frauen in Asien, Afrika und Südamerika ihre Macht aus. Wenn sie die Massenvernichtungswaffen der strukturellen Gewalt in Stellung bringen und aus der Ferne in den Computer klicken – wie unterscheidet sich das vom Ausklinken der Atombombe in 10.000 m Höhe über Hiroshima? Die letztere erregt durch die Gewalt der Explosion und die schlagartige Vernichtung von ca. 80.000 Menschen an einem Ort ungeheures Aufsehen; die strukturelle Gewalt des Finanzkapitalismus besorgt die Vernichtung schleichend und weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Das Ergebnis ist das gleiche, nur mit dem Unterschied, dass die Opfer der schleichenden Vernichtung durch Hunger nicht spektakulär mit einem Schlag, sondern ständig und weiträumig verteilt getötet werden, (2011) 57.000 jeden Tag, 20 Millionen im Jahr. Menschen die an Hunger sterben, werden ermordet. (hl)


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1 Welthunger-Index 2014 http://www.welthungerhilfe.de/whi2014.html
2 Jean Ziegler: Das Imperium der Schande, Goldmann TB 2008, S. 130 u. f.
3 a. a. O., S. 18
4 Spiegel-online vom 24.7.2014
5 Jean Ziegler a. a. O., S. 51 f., 136 f.
6 a. a. O., S. 16, 17, 87, 88
7 a. a. O., S. 89
8 a. a. O., S. 90, 91
9 Eberhard Hamer, „Zeit-Fragen“ vom 28.1.2013
10 Wikipedia – John Perkins: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Perkins_%28Autor%29
11 Jean Ziegle a. a. O., S. 17
12 a. a. O., S. 87
13 a. a. O., S. 98, 99
14 a. a. O., S. 99
15 a. a. O., S. 104